Thomas Brussig lässt in „Das gibts in keinem Russenfilm“ die DDR fortbestehen

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Thomas Brussig

Von Ralf Stiftel -  Zum Dissidenten wird Thomas Brussig, wie er selbst schreibt, aus Versehen. Der aufstrebende Jungautor sitzt am 1. Mai 1991 an einem Stand auf dem Alexanderplatz und signiert sein erstes Buch „Wasserfarben“. Da kommt ein Anzugträger und bittet ums Autogramm. Und Brussig erkennt ihn nicht – weil er an einer „Gesichtsblindheit“ leidet. Nach einem Wortwechsel geht der Mann erzürnt: Günter Schabowski, Politbüromitglied und Chef der Berliner Partei.

Aufmerksame Leser haben hier schon gestutzt. 1991? Da gab es die DDR doch schon nicht mehr. In Brussigs Roman „Das gibts in keinem Russenfilm“ (nach einer verbreiteten DDR-Redewendung) allerdings fiel die Wiedervereinigung aus. Der 1964 in Berlin geborene Autor hat sich schon mehrfach und überaus erfolgreich mit dem zweiten deutschen Staat auseinandergesetzt. „Helden wie wir“ und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ waren Bestseller. Sein aktueller Roman kommt im Kleid einer Autobiografie daher. Brussig malt sich im Gedankenspiel aus, wie sein Leben in einer fortbestehenden DDR verlaufen wäre. Um die Sache interessanter zu gestalten, hat der Held des Romans einen Eid abgelegt. Er will auf Westreisen verzichten, solange nicht jeder in den Westen kann, kein Telefon haben, solange nicht jeder eins hat, und – nach Zögern, weil es meistens drei Dinge sein müssen, und ihm nicht sofort etwas einfiel – Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ erst lesen, wenn jeder das kann.

Die Erfindung einer alternativen Geschichte hat Vorläufer. Der deutsche Autor Simon Urban hat in „Plan D“ 2011 schon einmal die Teilung fortbestehen lassen. Brussig erwähnt Urbans düsteren Verschwörungsthriller.

Er selbst hält es mit subversiver Komik à la Eulenspiegel oder Schwejk. Er lässt die Dissidenten vom Prenzlauer Berg sagen: „Dieser Staat ist für uns ein Witz.“ Brussig hält sich bei seiner Person an die Fakten, Geburtsjahr 1964, Lehre auf dem Bau, Wehrdienst, Job als Hotelportier, selbst die Buchtitel bleiben und das Musical zu Songs von Udo Lindenberg. Aber die Welt um ihn steht Kopf. Oskar Lafontaine wird Bundeskanzler, Sahra Wagenknecht moderiert die DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, Wolfgang Thierse ist erfolgreicher Verleger in der mecklenburgischen Provinz. Und eine gewisse Angela wurschtelt sich apfelkuchenbackend durch den Zonenalltag. Manchmal verliert Brussig über solchen Miniaturen den Erzählfaden aus dem Blick. Aber er charakterisiert Gregor Gysi, der den Helden als Anwalt vertritt, mit ausgesuchter Heimtücke: „Zweifellos stand er auf meiner Seite. Aber bis heute weiß ich nicht, auf welchen Seiten er noch stand.“ Dann wieder trifft er in Details das System: Sabine, die Geliebte des Helden ist Seilspringerin, was er den „eigentlichen DDR-Sport“ nennt, das „Auf-der-Stelle-Hüpfen“.

Brussig lässt die DDR durch ökologische Modernisierung überleben. Unter Egon Krenz und später Gregor Gysi entwickelt sie Holzbau, Windkraft und Elektromobile wie den „Wartburg Gleiter“. Die Reisefreiheit kommt, weil die DDR-Bürger im Westen arbeiten, im Osten Steuern zahlen. Das schelmenhafte Erzählen finstert sich immer mehr ein. Und so sehr Brussig auch herumwitzelt, am Ende schildert er die DDR als „Elektrokratie“, als einen unfreien Kapitalismus unter Führung der Partei wie im modernen China. Sein Roman ist fröhlich. Aber weniger harmlos, als er scheint.

Thomas Brussig: Das gibts in keinem Russenfilm. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 383 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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