Mit Siegerfaust: Thees Uhlmann in Dortmund

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Thees Uhlmann und Band gastierten im Dortmunder FZW.

DORTMUND - Der schwarzen Lederjacke entledigt sich Thees Uhlmann erst bei der ersten Zugabe. Da sind bereits 75 Minuten von seinem Konzert im ausverkauften Dortmunder FZW absolviert. Als er zu “Römer am Ende Roms” zunächst nur vom Klavier begleitet auf der Mundharmonika die Eingangssequenz spielt reißt er sie sich vom Körper hat nur noch sein Schweiß überströmtes T-Shirt an.

Von Frank Zöllner

Bis dahin hat der leuchtende Stern am deutschen Indie-Rockhimmel trotz der großen Hitze in dem zum Markenzeichen erhobenen Kleidungsstück wild gestikulierend umher getanzt, die Faust geballt und mit seinem mitunter breitbeinig daherkommenden Rock`n`Roll das Publikum in seinem Bann gezogen.

Thees Uhlmann & Band haben große Konkurrenz an diesem Freitagabend mit dem Heimspiel von Borussia Dortmund. Aber diese Herausforderung meistert der bekennende Fan des FC St. Pauli, der als Sänger seiner früheren Band Tomte eine Hymne auf den Kiezklub vorlegte, souverän. Ohnehin ist ein gewisser Teil vom Auftritt des Wahl-Berliners optisch mit einem Fußballspiel zu vergleichen.

 Etwa wenn sich Uhlmann pathetisch mehrfach auf das Herz klopft wie das eben Profifußballer machen nach einem Torerfolg, um ihre Verbundenheit mit ihrem Verein zu dokumentieren. Auch die häufig gezeigte Siegerfaust und der Applaus zurück an die Fans am Konzertende kennt man aus anderen Zusammenhängen. Aber bei Uhlmann wirkt das nicht wie übertriebene Gestik und Show. Man glaubt Uhlmann seine Ergriffenheit und seinen Pathos.

Weitere Konzerte:

13.11., Kölner E-Werk, 14.11. Osnabrücker Rosenhof

Etwa wenn der begabte Geschichtenerzähler die Entstehung des Songs “Kaffee & Wein” erläutert, als er beim interkulturellen Biertrinken - (Uhlmann: “Wie Romeo und Julia. Hoffentlich sieht uns keiner”) mit einem Fan des Hamburger SV den Satz hörte: ”Das einzige was ich meinen Kindern zu vererben habe, ist ein guter Ruf in schlechten Kreisen.” Darum geht es in diesem Song auf seinem “#2“ betitelten zweiten Soloalbum.

Auf dem hat sich Uhlmann den Einschätzungen, er sei der deutsche Bruce Springsteen durchaus schmeicheln, seine Neugier auf die Welt bewahrt. In “Zugvögel” schaut der Hörer mit ihm in die kalte und klare Herbstluft den Tieren hinterher, “bis man das V nicht mehr erkennt”. Das Publikum wird hier zum Mitsingen aufgefordert, mit dem Ergebnis, “dass BAP und Depeche Mode niemals näher beieinander waren”.

Man streift in “Weiße Knöchel” mit ihm durch Oberhausen und betrachtet beim Straßenwahlkampf einen alten SPD-Kämpfer. Der weiß, dass er verliert - und macht doch weiter. So werden aus Alltäglichem wie Hörspiele vertonte Dramen und Geschichten - dazu bietet Uhlmann optisch eine Art ergreifendendes Schmierenstück wie etwa auch im “Das Mädchen von Kasse 2".

Uhlmann gibt den Volks- und Naturdichter

Er ist beeindruckt, wie das als “Gefangenenchor” bezeichnete Publikum einzelne Liedpassagen übernimmt und den 39-Jährigen so zum Zeremonienmeister werden lässt. Er reist mit Gefühlsschwankungen bestehend aus hingezogen und abgestoßen in seine norddeutsche Heimat Heemoor (“Der Fluss und das Meer”) zurück und zündet zum wärmenden rot-gelben Licht auf der schlicht gehaltenen Bühne in “Es brennt” ein Feuer an, um die Wölfe zu vertreiben.

Es sind Momente, in denen Uhlmann den unpeinlichen Volks- und Naturdichter gibt. Härter wird der Vortrag der fünfköpfigen Begleitband im martialisch klingenden “Die Bomben meiner Stadt”. Es ist ein rockiger, extrem kurzweiliger Abend, in dem sich der Sänger in Anekdoten immer wieder selbst auf die Schüppe nimmt. Warum er denn nicht mit seinem Gesicht auf der Albumhülle zu sehen sei, fragte ihn seine Tochter: “Weil ich zu hässlich bin. Und sie sagte: Jo, stimmt”.

Aber immerhin kann er singen und dichten. Und nicht Mit “& Jay-Z singt und ein Lied”, der aktuellen Single “Am 07. März” als Hommage an seine Mutter sowie dem grandiosen “Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf” hat er eine große Auswahl an Gassenhauern dabei, mit denen viele der Fans wohlig eigene Erlebnisse verbinden.

Quelle: wa.de

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