Lunas Amazonen: Das Jugendstück „Mondraketenmassaker“ in Münster

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Singende Raketen, Flitterkanonen: Im Kleinen Haus in Münster wird eine Weltraumgeschichte in Retrodesign verpackt. Szene aus „Mondraketenmassaker“.

Von Edda Breski MÜNSTER - Spätestens seit den Kaffeetütenexplosionen von „Raumschiff Orion“ ist das Wissen zum allgemeinen Kulturgut geworden, dass nicht jeder, der sich berufen fühlt, den Weltraum zu erkunden, mit heiler Haut zurückkehrt, um davon zu erzählen.

Star Treks berühmter „Fähnrich Nummer 5“ – das ist auf der Enterprise immer das Crewmitglied, das den Aliens zum Opfer fällt – kann darauf einen traurigen Nachruf singen. Der Weltraum ist seit vielen Dekaden in Film und Fernsehen die letzte Herausforderung für die Wissenschaft wie für die Phantasie, der Leerraum, der sich mit schillernden Storys anfüllen lässt. Am Kleinen Haus in Münster ist eine tolle Space-Saga zu sehen: „Mondraketenmassaker“, ein Musical mit Anleihen bei SciFi, Horror und Thriller, angereichert mit popkulturellen Zitaten. Die Macher des „Retrofuturisticals“, Texter Christoph Tiemann und Komponist Stéphane Fromageot, haben eine clevere Montage aus Retro-Elementen und Persiflagen hinbekommen und sie mit frechem Witz aufgepeppt. Erarbeitet wurde das Stück vom Jungen Theater Münster, das sich Verstärkung geholt hat, darunter das „Cactus Junge Theater“ und die Westfälische Schule für Musik.

Auf der Bühne stehen Laien und junge Profis, im Hintergrund sitzt ein junges Orchester, das sich wunderbar schlägt. Die Inszenierung (Anne Verena Freybott, Alban Renz) entfesselt den jugendlichen Drive der Darsteller. „Mondraketenmassaker“ dauert an die zwei Stunden, ohne große Längen und ohne dass die Konzentration nachlässt. Die Mitwirkenden sind ab 12 Jahren aufwärts. So viel Spielfreude muss man erst erwecken. Dickes Lob für die Akteure und die, die mit ihnen gearbeitet haben.

Die Geschichte ist zusammenzitiert aus Weltraumfilmen und Horrorstreifen, gern der budgetgünstigeren Sorte. Eine Gruppe Menschen fliegt versehentlich auf den Mond – eigentlich wollte ein flüchtiger Gangster mit dem schönen Namen Buster Crabby einfach nur nach Kansas.

Auf dem Erdtrabanten leben die lunaren Amazonen, ein Weibervölkchen (plus ein Transvestit) in spacebunten Plastikkleidern, das seine Männer, diese „evolutionären Handbremsen“, in sublunare Höhlen verbannt hat, wo sie zu Zombies aus Stein wurden. Nun fehlt es auf dem Mond am virilen Element und leider inzwischen auch an Sauerstoff. Also haben die Amazonen die Erde auf ihre interplanetare „Gefällt mir“-Liste gesetzt und planen die Übernahme.

Es gibt einen geldgeilen Unternehmer, der deutsche Wissenschaftler verfällt in großdeutsche Träume, und Buster Crabby erfindet immer obszönere Varianten des Sprichworts „Da brat mir einer einen Storch!“ Politisch korrekt ist so gestern!

Ganz toll ist die Idee, ein Mädchen als kosmisches Nummerngirl auftreten zu lassen. Sie spricht mit diebischer Freude Kommandozeilen und kündigt den Erdbewohnern den Tod an (La, Le, Lu, burn motherfucker!). Nerds werden zahlreiche „Star Trek“-Zitate entdecken, zum Beispiel, als die Weltraumreisende Sita ihren Kollegen „Wolf 359“ zeigt (wo eine Schlacht gegen die Borg ausgetragen wird).

Man kann sich im „Mondraketenmassaker“ darauf verlassen, dass auch die Menschen die brutale Lösung wählen. Der amerikanische Präsident ist zwar eine Frau, schickt aber trotzdem Atomraketen, um die „Kommunistinnen“ da oben zu killen.

Die Musik mischt Strauss’ Zarathustra-Fanfare (man denke an „2001 – Odyssee im Weltraum“!) und rauschende Zitate aus Hollywoods goldener Ära, 60er-Jahre-Krimi-Sound und Broadway-Jazz. Großes „Gefällt mir“!

18., 28.4., 6.,13., 31.5., Tel. 0251/59 09-100, www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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