Theater mit Computern in Bochum: „Endgame“ von Machina eX

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Tom, Gruppenleiter, stimuliert sein Team im „Real Life Game Theater“ von: „Endgame“ in Bochum. machina eX

BOCHUM Möchten Sie mal bei einem Start-up-Unternehmen arbeiten? Wie fühlt sich die hippe Arbeitsatmosphäre eigentlich an? Wenn Sie zwischen Computer- und Theaterspielen keinen unüberwindlichen Gegensatz verspüren, bietet die Gruppe machina eX einen Selbstversuch an. „Endgame“ heißt das aktuelle Projekt des Medientheaterkollektivs, das seit 2010 an der Schnittstelle zwischen Illusionstheater und Computerspielen forscht. machina eX wird von namhaften Theatern im deutschsprachigen Raum unterstützt, wie auch vom Schauspielhaus Bochum. Derzeit gastiert Anna Fries (Regie, Bühne, Leitung) mit vier Performern und einem Technikteam in Bochum.

In der Zeche 1 sind Tische aufgestellt, 30 Laptops platziert, eine Projektionsfläche eingerichtet und Getränke greifbar – wie im Büro oder beim Start-up. Ziel ist es, mit der Hilfe von (Zuschauer)Teams gegen eine neue rechte Bewegung vorzugehen, die mit cleverem Marketing national-konservative Gedanken salonfähig macht – mehr als laute Parolen und Hakenkreuze.

Drei Team-Leader sind schon in Bewegung. „Yes“ ruft Matt und tanzt wie bei der Love Parade vor dem Safe Space, dem Büro(Spielraum), aufs Publikum zu. „Yes“ heißt auch: Mach’ mit! Matt sucht sein Team, wippt herum, begrüsst Polly, die Praktikantin in chromfarbenen Schuhen. Es sind leise wummernde Techno-Klänge zu hören.

Arbeiten soll hier eine Mission sein. Tom, der dritte Team-Leader, zählt ebenfalls zu Overcrowded, dem Start-up. Irgendwas treibt ihn an? Ist es seine Überzeugung, die Demokratie gegen politische Unterwanderung zu bewahren, ist es Kokain oder steht er vor einem Burn out? Die Gruppenspieler stehen unter Druck. Es geht um Team-Building („Schaut Euch in die Augen“), um Optimierung („Bündelt Eure Kräfte“) und um Wettbewerb. Wer ist der Beste bei Overcrowded? Der High Score wird angezeigt.

Die rechten Gegner werden als Konterfei projiziert. Es sind vier, sie sollen bei Demos und auf Anzeigen-Kampagnen („Matthias passt immer auf mich auf“) erkannt werden, da sich hinter dieser Hilfsbereitschaft eine rechte Masche verbirgt. Am Laptop wird gearbeitet: Bilder scrollen, Texte checken, zuordnen, Teamwork. Man muss sich einlassen aufs Spiel. Die Dateien der Rechten werden gehackt, so dass ihre Ansagen die eigene Programmatik nur fehlerhaft verbreiten. „Immerhin die Ritter ist gefallenen“, heißt es. Ein Erfolg, der von den Teamleitern gefeiert wird, und eine spielerische Behauptung ist.

Tom, Opfer eines nächtlichen Gewaltverbrechens, und Matt, frustierter Kriegsfotograf, wollen die Welt besser machen. Richtig überzeugen kann ihr Figurenspiel nicht. Aber alle wissen ja, dass hier ist nur ein Spiel. Es gibt Pakete vom Gegner – eine Bombe? –, Misserfolge und eine Gewissensentscheidung an diesem Abend. Die permanente Animation allerdings nervt: „Denkt daran Leute, wir sind ein Team“. Es sei denn, man nimmt sie als Start-up-Atmosphäre ernst. Dann ist eine Selbsterfahrung möglich, auch wenn für inhaltliche Fragen zur neuen Rechten wenig Zeit bleibt.

Sätze wie „Die Macht der Straße ist der Geist unserer Kultur“ belegen, wie die Rechten ihren völkischen Ansatz verbrämen. „Endgame“ zeigt, dass um Demokratie gekämpft werden muss. Hier ist jeder indirekt aufgefordert nachzulegen, auch wenn es nach dem Medientheater keinen High Score mehr gibt. machina eX sorgt für Interaktion gegen die neuen Nazis: eine Anstiftung in der digitalen Kampfzone.

23., 24., 25. Mai, jeweils zwei Vorstellungen, Tel. 0234/ 3333 5555;

www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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