„The Other Side“: Das Dortmunder U zeigt aktuelle Kunst aus Irland

Flammen der Gewalt in Nordirland: Filmstill aus Willie Dohertys Video „Remains“, das im Dortmunder U zu sehen ist. Fotos: Museum

Dortmund – Schon das Hingucken erhöht die Raumtemperatur. Die Flammen fressen sich durch den Innenraum des Autos. Längst sind die Scheiben gesprungen. Reste des Lacks brennen auf der Tür. Durch kleinste Ritzen sieht man die Glutnester da, wo einmal die Armaturen waren. Die Kamera geht dicht heran an den Wagen und hält tiefenscharf auf den Sturm der Vernichtung, der sich irgendwo an einem Stadtrand zwischen Pfützen austobt.

Zwischen diese heißen Bilder einer sinnlosen Zerstörung hat der irische Videokünstler Willie Doherty Momente der Ruhe gesetzt. Städtische Brachen, leere Plätze zwischen beschmierten Wänden an Hinterhöfen, Unterführungen, kalte Szenerien. Und darüber spricht gleichmütig, unberührt ein Mann von einer Strafaktion gegen seinen Sohn und seinen Neffen. Leider ist der englische Text nicht untertitelt bei der Präsentation dieser Arbeit im Dortmunder U. Aber schon der Ton und die kontrastierenden Bilder erzeugen einen Schauer beim Betrachter. In „Remains“ (2013) geht es um eine Strafaktion einer Bürgerwehr gegen Drogen. Wen sie erwischen, dem schießen sie durch das Knie, „Kneecapping“ hieß das.

Das 15minütige Video gehört zur Ausstellung „The Other Side“. Die Kuratori Anne Mager hat Arbeiten von sechs Künstlern aus Irland zusammengestellt, die die Grenze und den Bürgerkrieg in Nordirland reflektieren. Die Schau ist gleich in mehrfacher Hinsicht hochaktuell. Zum einen droht durch den Brexit ein neuer Ausbruch der Konflikte zwischen probritischen Protestanten und den Katholiken, die die Wiedervereinigung mit der Republik Irland fordern. Zum anderen soll die Schau ein Beitrag zum Jahrestag des Mauerfalls zwischen DDR und BRD sein. Es war nicht die einzige Grenze, die ein Land teilte.

Doherty, geboren 1959, war zweimal für den Turner Prize nominiert, hat auf der documenta 13 ausgestellt.

Auch das Video „The Other North“ von Jesse Jones arbeitet die Traumata der Gewalt auf. In dem 60-minütigen Film sieht man das Reenactment einer Therapie, mit der der US-Psychologe Carl Rogers zur Versöhnung beitragen wollte. Am runden Tisch erzählten Betroffene von Gewalterfahrungen, von Verwandten, die bei einem Anschlag starben. Allerdings drehte die Künstlerin in Korea, einem weiteren geteilten Land, und ließ die Mitschriften der Originalsitzungen von Koreanern auf koreanisch sprechen (mit englischen Untertiteln). Die Schauspieler mimen sehr realistisch die Betroffenheit, stummes Nicken hier, ein schmerzliches Heben der Mundwinkel.

Enda Bowe fotografierte in Belfast, einer Frontstadt der Konflikte, die ebenfalls geteilt wird durch sogenannte „Peace Walls“. Sie trennen protestantische von katholischen Vierteln. Im Sommer gibt es hier symbolische Freudenfeuer. Von Freude freilich ist in Bowes Bildern wenig zu spüren. Die Jugendlichen blicken ernst, fragend, verletzlich. Eine leise, intensive Bildstrecke.

Collagen in der Tradition satirischer Bildschöpfungen sind von Seán Hillen zu sehen. Er bricht zum Beispiel das kalte Bürgerkriegsszenario einer Demo mit massiver Absicherung, indem er die mit Helmen, Schilden und Westen hochgerüsteten Polizeikräfte mit dem Porträt einer Nonne überklebt. Er betitelt das als Heiligenerscheinung: „St. Faustina Appears in Londonderry (Miraculously Preventing the Illegal Photography of Members of the Security Forces)“ (1993). Eine Prunkparade von Marschierenden in Bärenfellmützen verdeckt er mit schwarz maskierten Sicherheitskräften („Troubles in Paradise #1“, 1987).

Sichtbarkeit ist ein Thema für Kathy Prendergast, die Landkarten mit schwarzer Tinte übermalt und nur die Städte als weiße Punkte stehen lässt. Was einmal Schweden oder Bulgarien zeigte, erscheint nun fast wie eine Sternkarte, sehr abstrakt und sehr fern.

Die im ehemaligen Jugoslawien geborene, in Dublin lebende Künstlerin Dragana Jurisic hat ihre verlorene, in Einzelstaaten zerfallene Heimat als Bilderfries porträtiert: „Yu: The Lost Country“ (2011-2013). Es entsteht eine Linie aus Bildern, ein Schnitt durch das Land in Fotoimpressionen, die sich gar nicht so sehr unterscheiden zwischen Bosnien und Süd Serbien.

Bis 17.3., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 50 24 723, www.dortmunder-u.de

Quelle: wa.de

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