Thalheimer inszeniert „Maria Stuart“ bei den Ruhrfestspielen

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Wortduell: Maria (Valery Tscheplanowa) und Elisabeth (Stephanie Eidt) sind verschieden. Szene aus der Recklinghäuser Premiere von Schillers „Maria Stuart“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN–Lange Blickfluchten ins Dunkel, schwarze Wände, kein Tisch, kein Stuhl – wer soll hier leben? Zu Schillers Drama „Maria Stuart“ ist im Festspielhaus Recklinghausen eine monumentale Halle platziert worden, in der jede Geste, jede Äußerung, jede Berührung vom flächigen Bühnenminimalismus Olaf Altmanns multipliziert wird. Nichts ist in der Inszenierung Michael Thalheimers verborgen, kann lanciert oder versteckt werden. Der Sog des Dramas ist so unausweichlich, wie der Tod der historischen Titelfigur.

Die eingekerkerte Maria Stuart schöpft Hoffnung, als sie Nachricht aus Frankreich erhält. Sie setzt auf Mortimer, der zu allem bereit ist, und auf Graf von Leicester, der ihr ein Treffen mit der Königin von England verschaffen soll. Valerie Tscheplanowa zeigt als Maria den Lebenswillen der Königin von Schottland: kämpferisch, selbstgerecht, stolz. All dies weiß Elisabeth längst und hört mit. Den Reifrock der Regentin überspannt ein gelbes Tuch. Weiß geschminkt wirkt sie wie ein Insekt, das auf die beste Gelegenheit wartet – aber jenseits der Trennwand genauso gefährdet scheint.

Der Spielraum Elisabeths für Entscheidungen ist gleich Null. Stephanie Eidt schreit diese Beklemmung einer jungen Regentin heraus, beugt sich nach vorn und lässt einen die Qual der Macht spüren. Ihre Berater sind Selbstdarsteller, die den Hof als Bühne ihrer Interessenslage benutzen. Neben dem farblosen Cecil (Michael Benthin) erscheint Talbot als Ästhet und Eiferer. Wolfgang Michael spitzt ihn zum selbstverliebten Moralisten zu, der Elisabeths menschliche Makellosigkeit gefährdet sieht, falls sie die Schottin nicht begnadigt. Aber trotz Kalkühl und Verve fehlt es allen Männern an Hinwendung zur Königin als Frau. Auch Leicester wird sie am Ende verlassen, obwohl er sich in einer artifiziellen Szene der Königin anbietet. Marc Oliver Schulze spielt Leicester mit großem Hang zum Risiko. Er umschleicht sie, streichelt und küsst sie auf den Mund. Regisseur Thalheimer lässt dieses Spiel wie in Zeitlupe laufen, als ob wirkliche Gefühle durch die Szenerie scheinen, wie durch ein milchiges Glas. Und die Handlung erhält einen unerhörten und emotionalen Impetus. Das Unmögliche ist in dieser Inszenierung greifbar, so dicht und so gut ist das Timing.

Maria ist wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Weil ihr Herrscheranspruch als Katholikin die anglikanische Kirche gefährdet, ist ein Gesetz gegen sie formuliert worden, das gegriffen hat. Als die beiden Königinnen voreinander stehen, zeigt sich die Symbolik von Thalheimers Schattenspiel. Elisabeths Silhouette liegt übergroß auf der Bühnenwand, während Maria klein abgebildet ist. Sowie die Schottin ihren Anspruch auf den Thron bekräftigt, wächst ihr Schattenbild. Letztlich überträgt Thalheimer die Absichten beider Regentinnen auf den kurzlebigen Schein des Schattens und verdeutlicht, wie sehr sie für machtpolitische Ziele rivalisierender Gruppen in Dienst genommen werden.

Schillers Geschichtsdrama ist ein Kooperation der Ruhrfestspiele mit dem Schauspiel Frankfurt.

10. bis 12. Juni; Tel. 02361/ 92 180; http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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