„Tatort“ aus Dortmund mit Jörg Hartmann: „Schwerelos“

+
Den Verdächtigen im Blick: Szene aus dem „Tatort“ mit Peter Faber (Jörg Hartmann) und Martina Bönisch (Anna Schudt,).

Von Ralf Stiftel - Der Dortmunder Hauptkommissar Peter Faber sucht die Abgründe. Seine Kollegin Bönisch sagt einmal: „Immer, wenn er irgendwo oben steht, habe ich ‘n Scheiß Gefühl im Bauch.“ Der sechste „Tatort“ aus der Revierstadt zwingt Faber dazu, auf Dächer zu klettern und auf die Gerüste der stillgelegten Hochofenanlage Phönix-West im Stadtteil Hörde. Weite Blicke über das Ruhrgebiet zelebriert der Film „Schwerelos“.

Und es geht um einen Banker, der den Kick sucht im Fallschirmspringen. Er liebte auch das „Base-Jumping“, Sprünge nicht aus dem Flugzeug, sondern von hohen Gebäuden. Etwas muss schief gegangen sein. Leo Janek wird schwer verletzt vor der Notaufnahme eines Krankenhauses gefunden. Allerdings ohne Schirm. Und offensichtlich am falschen Ort. „Wenn ich mich umbringen will, springe ich doch nicht direkt vor die Notaufnahme“, kombiniert Bönisch.

In dieser Folge ist Hauptkommissar Faber (Jörg Hartmann) einmal nicht der Problemfall des Dortmunder Teams. Stattdessen tragen seine Kollegen ihre Probleme mit sich herum. Bei Martina Bönisch (Anna Schudt), sonst ruhender Pol der Ermittler, scheint das Familienleben endgültig zusammenzubrechen. Ihr Sohn ist nicht nach Hause gekommen – und sie wird immer panischer. Die jungen Kommissare Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) tragen an ihrer gescheiterten Beziehung. Ihre Eifersüchteleien gefährden durchaus die Ermittlungen. Dalay bändelt mit einem Verdächtigen an und lässt sich zu immer riskanteren Sprüngen überreden. Kossik folgt ihren Spuren. Dass sie sich als Polizisten bei ihren Ermittlungen ausweisen müssen, lassen sie außer Acht. Und Kossik entwertet eine wichtige Blutprobe dadurch, dass er sie ohne Durchsuchungsbefehl sicherstellte.

Autor Ben Braeunlich und Regisseur Züli Aladag legen diesmal einen eher konventionellen Krimi aus Dortmund vor. Keine Ermittlungen in der Neonazi-Szene oder im Problemviertel. Stattdessen bewegen sie sich diesmal im gehobenen Bürgertum – fast wie einst Derrick. Der aber hätte sich bloß von Harry in die schicke Wohnung des Jung-Bankers, in die Bar und zum Vereins-Flugplatz (dem Flughafen Loemühle in Marl, von dem einst der Politiker Jürgen Möllemann zu seinem letzten, tödlichen Sprung aufbrach) kutschieren lassen und geredet.

Was diesem Dortmund-„Tatort“ fehlt, ist ein starker Gegenspieler für Faber. Bei Gangstern, Politschlägern und Psychopathen läuft er zu großer Form auf, trickst, täuscht, provoziert, bis sie aus der Reserve kommen. Hier kann man den Mann in der ewig gleichen Jacke, der gern mal aus der Rolle fällt, beinahe lieb gewinnen. Der Koma-Patient Janek hat Frau und einen neunjährigen Sohn. Klara Janek (Inez Bjørg David) glaubt, dass Martin unbedingt Abschied von seinem Vater nehmen muss, der verfügt hatte, dass man Apparate zur Lebenserhaltung abschalten soll. Die Szenen, in denen Faber auf den Jungen aufpasst, gehören zu den anrührendsten des Films. Großartig spielt Mats Hugo die Verstörung des von seinen Gefühlen überforderten Kindes. Hartmann offenbart ungewöhnlich einfühlsame Seiten an seiner Figur. Der Kommissar erkennt, wie der Junge leidet, als er dem Vater beim Sterben zusehen soll – und schafft ihn weg.

Der eigene Ton des Dortmund-„Tatorts“ gerät in dieser Folge etwas in den Hintergrund. Hier geht es um eine eher konventionelle Mördersuche. Die Verdächtigen kommen aus dem Umfeld des Opfers. Leo Janek hatte eine Geliebte. Und er hatte seinem Schwager einen Kredit verschafft, den er nicht bedienen konnte.

Trotzdem ist „Schwerelos“ sehr sehenswert. Nicht nur wegen der Kamerafahrten in Abgründe, von Industrieanlagen herab. Der von Hans W. Geissendörfer („Lindenstraße“) produzierte Film besticht durch seine sorgfältige Machart. Wie von Kommissarin Bönischs erster Szene bis zur Heimfahrt der Ermittler die Erzählstränge immer wieder zusammengeführt werden, wie sogar ein Tennisball zum Running Gag wird, das macht einen überdurchschnittliche TV-Krimi aus.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare