Tanzstücke von Anne Teresa de Keersmaeker bei der Ruhrtriennale

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Nähe oder Flucht: Tänzer der Truppe Rosas in einer Szene aus „En atendant“ in der Jahrhunderthalle Bochum. ▪

BOCHUM ▪ Acht Jahre alt war Catheline, Tochter Karls V. von Frankreich, da pries der Komponist Solage die Anmut dieser „Passionsblume der Schönheit“. Das Ensemble graindelavoix singt die Ballade aus dem 14. Jahrhundert. Auf dem Boden liegt eine Frau, ein Mann streicht über ihre Beine, legt ihre Arme übereinander und breitet sie wieder aus mit distanzierter Sanftheit. Anne Teresa de Keersmaeker, eine der Erneuerinnen des zeitgenössischen Tanzes, hat für ihre Truppe Rosas eine Doppelperformance entworfen, die um die ars subtilior kreist; „En Atendant“ und „Cesena“ waren bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle zu sehen. Von Edda Breski

Der Kompositionsstil ars subtilior ist eine Entwicklung der ars nova, die im Spätmittelalter die Musik harmonisch und rhythmisch erweiterte und einen Expertenstreit entfachte, der mit einem päpstlichen Bann endete. Die „neue Kunst“ sollte keinen Platz haben in der Kirche. Sie entwickelte sich an den Höfen weiter. Die ars subtilior blühte am Hofe der Gegenpäpste in Avignon. Das historische Spannungsfeld unterliegt den Stücken de Keersmaekers. „En Atendant“ bezieht sich auf eine Ballade des Philippot von Caserta, eines Musiktheoretikers in Diensten des Gegenpapstes Clemens VII. Es wird abends aufgeführt. „Cesena“, der zweite Teil, den der Musikanthropologe Björn Schmelzer mitentworfen hat, folgt frühmorgens. Beide Stücke sind am Vergehen und Nahen des Taglichts orientiert.

De Keersmaekers Tänzer bewegen sich im Halbdunkel, Atmen und Turnschuhschleifen füllt den hohen Raum, während das Ensemble Cour et Cœur (Blockflöte und Geige) mit der Sängerin Olalla Alemán „En Atendant“ singt und spielt. Allmählich ordnen sich Reihen, ein Schreittanz deutet sich an, aber die Linien sind uneben, Tänzer brechen aus und kehren zurück. Ein Tänzer rastet aus, stürzt und fällt, sein flatternder Atem ist seine einzige Begleitung in der Stille.

De Keersmaeker ist es gelungen, die Thematik des Wartens in reduzierte Gesten des Abtastens, des Suchens und Sehnens umzusetzen, und mehr: Sie überträgt die Struktur der Musik in Bewegung. Die rhythmischen und melodischen Phasenverschiebungen spiegelt sie in choreografischen Sequenzen und Formationen. Die strengen Wiederholungen, die formal gebundene Intimität der Interaktion zwischen den Tänzern entsprechen der Formgebundenheit der Musik und brechen sie zugleich durch raue, simple Bewegungen. Die Truppe Rosas besteht aus wunderbaren Darstellern, die das Gefühl und die Distanz dazu vermitteln können.

„Cesena“ ist ein aktiveres Stück. Die Tänzer fallen und rutschen über einen Sandkreis; die Körner verteilen sich und verstärken die Schrittgeräusche. Wer aufsteht, um das morgens um halb sechs zu erleben, muss etwas verrückt sein, aber er wird reich belohnt. Aus dem vollständigen Dunkel klingen Stimmen ohne Körper, Schritte, Keuchen. Es wird heller, und der Lobgesang des Solage auf die Prinzessin von Frankreich illustriert die verfremdet wirkende Szene zwischen einem Mann und einer Frau. Das rau leuchtende Kyrie aus der „Messe de Toulouse“ bekommt einen mechanischen Kontrapunkt: Die Türklappen in der Jahrhunderthalle werden geöffnet, kalte Morgenluft dringt herein. Der Raum wird heller und weiter.

De Keersmaeker entwickelt ihre Themen langsam, anstrengend langsam. Sie erlaubt keine Abkürzungen. Licht, Bewegung und Klang erzeugen einen fremden Ort, der erspürt werden kann und zugleich in der Daraufsicht fremd bleibt. Ein Ort ohne Zeit und Eile.

En Atendant/Cesena ist ein hermetisches Erlebnis, seine Schönheit ist fremd und wird bewusst so erhalten. Körper drängen sich zusammen, graindelavoix singt „Fumeux fume“, ein Rondo voll fahler Klangfarben und kühner Dissonanzen. Es geht um Wahrnehmungen, die es damals gab wie heute, unendlich vertraut, unendlich fern.

Quelle: wa.de

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