Tanz am Theater Münster: „Gefangen“

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Kleine Fluchten: Szene aus der Choreografie „Gefangen“ in Münster mit Jason Franklin und Maria Bayarri Pérez

Von Anke Schwarze MÜNSTER - Zwei dunkle menschliche Gestalten umschleichen eine Masse aus zuckenden und zappelnden Leibern. Auf ihren mit Stelzen verlängerten Armen staksen sie voran, lauernd, beobachtend. Dann winden sie sich mit langsamen Bewegungen umeinander, bis sie zu einem spinnenartigen Geschöpf mit acht Gliedmaßen verschmelzen – einem „erstickenden Wärter“ wie aus einem Text des surrealistischen Philosophen Georges Bataille.

Münsters Tanztheater hat sich seiner Schriften sowie der Werke anderer Schriftsteller angenommen, die – oft aus konkreten Erfahrungen heraus – um den Punkt „Gefangen“ kreisen: François Villon, Oscar Wilde oder Paul Verlaine. Choreograf Hans Henning Paar taucht ein in eine düstere Atmosphäre, erfüllt von bizarren und bestrickend schönen Bewegungen des Ensembles. Hohe schwarze Spinde auf Rollen stecken den Bewegungsrahmen der Tänzer ab. In den Hintergrund zurückgeschoben, lassen sie Raum für einen Hofgang, dessen stupides Kreisen sich in brutalen Tanzduos und -trios entlädt. Dann wieder formieren sich die Spinde zu soldatischer Aufstellung. Die geöffneten Türen geben den Blick frei auf Gefangene, die mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, und auf solche „die nachts leise weinen, die im Schlaf schreien, die ganz still sind“ (Ralf Sonntag).

Obwohl es in „Gefangen“ eine Art Hauptfigur gibt – „Er“, den Deliquenten – und andere wiederkehrende Charaktere, erzählt Hans Henning Paar keine fortlaufende Geschichte. Aus fragmentarischen Texten der Gefangenenliteratur, aus Gedichten, Akten, Briefen oder Tagebüchern formt er Bruchstücke von Szenen. Da ist die Erziehungsanstalt, in die der Delinquent (Jason Franklin) anfangs eingewiesen wird. In ihren altmodischen Anzügen mit Vatermörder verorten die spinnenartigen Wächter diese Anstalt in die Zeit um 1900. Schriftsteller wie Jean Genet verbrachten ihre Kindheit in solchen vorgeblich der Besserung dienenden Instituten. Paars Choreografie, bei der die Wächter ihre verlängerten Arme wie phallische Waffen vor sich her schleudern, entlarvt sie als etwas anderes.

Aber Gefängnisse, das sind nicht nur die realen Anstalten. Das ist auch der eigene Kopf, der den Körper beherrscht. Aus dem dunklen Hintergrund schaut der Delinquent auf eine Erinnerung, ein Liebesduett, nicht zu Musik, sondern zu Vogelgezwitscher getanzt. Doch immer wieder fängt eine verführerische Figur (Adam Dembczynski) den Mann aus dem liebestollen Fangspiel heraus, hält ihn von der Frau zurück. Der Pas-de-deux der beiden Männer formt sich zu anmutigen Linien. Hier spielt Paar mit Geschlechterrollen. An anderer Stelle setzt er sie klassisch in Szene: Es ist das altbekannte Motiv der Frau als Spielball männlicher Begierde. Die hochgewachsene Ako Nakanome tanzt diese Frau, die zwischen vier Männern zerrissen wird, mit zerbrechlicher Anmut.

Eine eigene Ebene schafft die Musik von Akkordeonspieler Marko Kassl, live gespielt im Kontrast zur technisch-pulsierenden Begleitmusik aus dem Off. Schrill und hektisch eskaliert Kassl die Aggression beim Hofgang. Leichte Musette-Walzer konterkarieren die fließende Schönheit von Gewalt und steigern sich angesichts von Mord und Totschlag zu orgelhaftem Forte. Angesichts dessen hat die kurze Idylle, die Hans Henning Paar zu Anfang gestattet, keinen Bestand: Jason Franklin, der Delinquent, tanzt mit einem Stück Kunstrasen, gleitet schnuppernd darüber, breitet sich darauf aus, räkelt sich. Ein kleines, vergängliches Stückchen Freiheit.

28.10.; 11., 14., 21.11.; 4., 12., 19. 12.; 2., 10., 26.1.; 7.2.

Tel. 0251/ 59 09 100

www.theater.muenster.de

Quelle: wa.de

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