„Tanz!“ ist eine mitreißende Ausstellung in Dresden

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Der Sirtaki, wie ihn Anthony Quinn und Alan Bates in dem Film „Alexis Sorbas“ (1964) tanzen.

Von Achim Lettmann DRESDEN - Das Museum bewegt. Vor dem Eingang zur Ausstellung „Tanz!“ animiert ein Videogemälde, das mit dem eigenen Körper erzeugt wird. Das Slitscan-Verfahren zeigt jeden Besucher zeitversetzt für einige Momente auf der weißen Wand. Schon wird man zum Regisseur seines Abbilds. Ein Amüsement auch über andere.

Die Präsentation im Dresdener Hygiene Museum „Tanz! Wie wir uns und die Welt bewegen“ zeigt einem erst einmal die eigene Statur und appelliert dann ans Körpergefühl. Kuratorin Coleen M. Schmitz krempelt die Erwartungen um. Sie hat riesige grau-silberne Gummibälle hinter die Eingangstür platziert. Es lockt ein weiteres Bewegungsspiel. Das Museum wird zwar kein Ballsaal, aber Coleen M. Schmitz gelingt es, das Bewusstsein des Besuchers aufs Körperliche auszudehnen. So lassen sich die ersten Exponate ganz anders erleben. Die Filmausschnitte zu Tanzfilmen wie „Billy Elliot – I Will Dance“ (2000) von Stephen Daldry nehmen einen gefangen, anders als sitzend im Kino. Der Musikclip „The Way You Make Me Feel“ (1987) mit Michael Jackson und das Musical „West Side Story“ (1961) demonstrieren bereits zu Beginn der Ausstellung, wie emotional der Film den Tanz präsentieren kann. Das gelingt auch Mary Wigman im Jahr 1914 mit ihrem ersten Solomaskentanz. Die Ausdruckskünstlerin bewegt sich mit starken Gebärden, die gar ein wenig Angst machen, so vital und bizarr wirken sie.

Die Schau lebt von der Kraft des Tanzes. Aber sie hält auch inne und zeigt, wie vor Fotografie und Film Bewegung visualisiert wurde. Eine Skulptur aus dem 4. Jahrhundert vor Christus bildet die Vorstellung von der schwebenden Siegesgöttin Nike ab. Ihr Gewand fließt über den erotisierten Frauenkörper. Die Bewegungsillusion findet einen neuzeitlichen Ausdruck in einer designten Lampe. Raoul Francois Larche hat 1901 den Schleiertanz der Amerikanerin Löie Fuller (1862-1928) als Vorbild für eine vergoldete Bronze genommen. Der Schwung des bewegten Schleiers bildet die Lampenskulptur auf dem Höhepunkt des Jugendstils.

Um die Tänzerin Fanny Eißler (1810-84) entwickelte sich ein wahrer Kult. Die österreichische Ballerina wurde selbst nach ihrem Tod noch gefeiert. In Dresden sind ihre niedlichen Spitzenschuhe zu sehen. In der Vitrine liegt auch ein Abguss ihres rechten Fußes, als die Tänzerin 37 Jahre alt war. Er wirkt kräftig. Selbst noch 1985 hat die Meißener Porzellanmanufaktur eine Figur Eißlers neu produziert, die nach einem Modell von 1836 gearbeitet wurde.

Die Schau überrascht immer wieder. Mal mit dem Manuskript von Raoul-Auger Feuillet, der Schrittfolgen von Tänzern „Chorégraphie“ nannte und im Jahr 1700 festhielt. Noten am Bildrand korrespondieren mit den Schrittzeichen. Mal verblüfft die Schau mit der Tanzsoftware von Merce Cunningham (1919-2009), der Tanzformen auf Computer festhielt, choreografierte und die Tanzpraxis revolutionierte. Exotisch wirken Filme zu Tanzvorführungen von Katherine Dunham („Shango“), die den Voodoo auf Haiti (1936) für moderne Tanzdarbietungen 1947 in New York nutzte.

Der Tanz ist durch die Medien immer internationaler geworden. Anachronistisch war in den 1930er Jahren, dass die Nationalsozialisten sogar den Ausdruckstanz jener Zeit missbrauchten, um sich in Europa national abzugrenzen. In Dresden wird die Identifikation über den Tanz auch als gesellschaftskritischer Akt präsentiert. Die DDR-Gruppe Feeling B stemmte sich gegen den Arbeiter- und Bauernstaat. Ein Film zeigt 1988 Pogo-Tänze am Strand. Punks wurden in der DDR anfangs schikaniert, später geduldet. Ihr Bedürfnis wird in Dresden unter dem Programmpunkt „Springen, Fallen, Loslassen“ sortiert. Unter „Fließen, Stoppen und Groove“ wird die Geschichte des Breakdance angerissen. Die Firma Yak-Films weiß, wie diese Jugendkultur besonders hautnah in Szene gesetzt wird – mit dem Breakdancer Tommy „Guns“ Ly, dem ein Bein fehlt.

Wie befreiend Tanz sein kann, hat schon der Film „Alexis Sorbas“ (1964) transportiert. Als Anthony Quinn den Sirtaki erfand und mit Alan Bates vorführte, löste sich die zivilisatorische Verkrampfung der 1960er-Jahre-Generation. Deshalb ist der Film von Michael Cacoyannis Kinogeschichte.

Wer es mag, kann in einer Tanzstation eben diesen Sirtaki auf Anleitung nachtanzen. Auch der irische Steptanz und der Flamenco sind im Angebot. Ein Knopfdruck mehr, und die eigenen Bilder sind für alle gespeichert. Denn Tanz ist ein Gemeinschaftsgefühl, wie es die Farbfotografie „Rave Union“ von Andreas Gursky feiert.

Die Schau

Nie war eine Ausstellung so bewegend. Ein Thema, bei dem jeder mitmachen kann und mit dem Körper zuschaut.

Tanz! Wie wir uns und die Welt bewegen im Deutschen Hygiene Museum Dresden.

Bis 20. Juli; do-so 10 bis 18 Uhr; Katalog 29,95 Euro; Tel. 0351/4846400; www.dhmd.de

Quelle: wa.de

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