Tana Frenchs Kriminalroman „Sterbenskalt“

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Tana French ▪

Die junge irische Autorin Tana French hat sich im Krimi-Genre schon mit ihren Werken „Grabesgrün“ und „Totengleich“ einen Namen gemacht. Auch in ihrem neuen Krimi „Sterbenskalt“ setzt sie wieder auf eine genaueste Zeichnung der Charaktere und fesselt den Leser mit einer außergewöhnlichen Bildhaftigkeit. Sie entführt den Leser in die kalte Welt eines Dubliner Arbeiterviertels. Von Jennifer Kahn

22 Jahre nachdem Undercover-Ermittler Frank Mackey seine Heimat „Faithful Place“ hinter sich gelassen hat, bekommt er einen Anruf, der ihn in die Zeit zurückversetzt, die er gerne hinter sich gelassen hätte. Damals wollte er gemeinsam mit seiner Jugendliebe Rosie nach England fliehen, doch er wartete in der vereinbarten Nacht vergeblich auf sie. Jahrelang war er davon ausgegangen, dass sie ihn versetzt hat, doch dann erzählt ihm seine Schwester Jackie, die einzige aus seiner Familie, mit der er noch Kontakt hat, dass Rosies Koffer in einem abbruchreifen Haus in der Nachbarschaft entdeckt wurde. Was ist damals tatsächlich passiert? Als dann auch noch ein Abschiedsbrief von Rosie gefunden wird, macht sich Frank selbst auf die Suche nach der Vergangenheit und trifft auf ein schreckliches Geheimnis. Während seiner nicht ganz legalen Ermittlung muss er sich nicht nur mit der neugierigen und erzkatholischen Nachbarschaft herumschlagen – er muss sich auch mit seiner Familie und ungelösten Konflikten auseinander setzen.

Auf der Suche nach Rosie erkennt Frank, dass ihn die Vergangenheit trotz seines Schlussstrichs die ganzen Jahre über verfolgt hat und dass er sich ihr stellen muss.

In Rückblicken erfährt der Leser nach und nach mehr über das triste und von Gewalt geprägte Leben des Protagonisten. Detailreich stellt die Autorin auch die übrigen Figuren dar, die eng mit Franks Vergangenheit verwoben sind. Da sind seine Geschwister Kevin, Shay, Carmel und Jackie, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sein alkoholkranker Vater, seine frustrierte Mutter und die vielen Jugendfreunde, die der Perspektivlosigkeit nicht entfliehen konnten. Der Leser erfährt, wie sehr die Vergangenheit Frank geprägt hat. Er ist der liebende Vater, der sich Sorgen um seine Tochter Holly macht, und der Mann, der um seine große Liebe trauert. Er ist aber auch der eiskalte Ermittler, der nicht davor zurückschreckt, Menschen zu manipulieren.

„Sterbenskalt“ ist nicht nur ein äußerst spannender Krimi, sondern zu gleichen Teilen Familiendrama und Milieustudie. Eindrucksvoll zeichnet Tana French realistische und vielschichtige Persönlichkeiten, die aufeinander treffen. Sie beschreibt ausführlich ihre Facetten, so dass der Leser sich intensiv in sie hineinversetzen kann. Mit psychologischem Feingefühl entwickelt sie einen dichten Plot, der dem Leser viel Raum für Interpretationen lässt. Eine fesselnde Lektüre.

Tana French: Sterbenskalt. Kriminalroman. Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Scherz Verlag, Frankfurt, 500 S., 16,95 Euro

Quelle: wa.de

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