Taboris „Abendschau“ bei den Ruhrfestspielen

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Ein bisschen irre: Szene aus „Abendschau“ in Recklinghausen mit Christiane Rausch und Wolfram Koch ▪

Von Edda Breski ▪ RECKLINGHAUSEN–Ruhrfestspiel-Intendant Frank Hoffmann verfolgt ein lobenswertes Ziel: Er will Stücke George Taboris auf die Bühne bringen.

Bei den Ruhrfestspielen hat er Taboris „Abendschau“ in einer Koproduktion mit dem Théâtre National du Luxembourg aus der Taufe gehoben. Es war die vielleicht letzte Uraufführung mit einem Werk des 2007 verstorbenen Autors. Das Stück war 1979 für die Münchner Kammerspiele entstanden, wo es unter anderem von Hanna Schygulla gespielt werden sollte. Doch ein Schauspieler starb, Tabori sagte die Premiere ab. Hoffmann hat den Text mit seinem Dramaturgen Andreas Wagner in eine Spielfassung gebracht und selbst inszeniert. „Abendschau“ ist eine Groteske über den Tod und das sich Einrichten mit dem Sterben.

Fridolin (Wolfram Koch) ist ein Bühnenmann. Er fabuliert über das Nichts, als sei er Beckett persönlich, kriegt aber nicht viel mehr auf die Reihe als Standup-Nummern. Fridolin wird sterben, und er kostet seine Morbidität aus. Der Dialog mit seinem Arzt (Christiane Rausch) erinnert an Jules Romains Medizinsatire „Knock“: „Ich hatte einen Traum: Die ganze Welt war krank“, jubelt der Arzt, der, natürlich, selbst vor sich hin niest. Fridolin jammert über seine misslungene Beschneidung als Kind – Woody Allen lässt grüßen.

Fridolin begegnet ein paar durchgeknallten Gestalten, darunter sein Chef JJ (Rausch tritt mit einem Mikro in der Hand als bösartiger Showmaster auf) und der Tod (Roger Seimetz), der mit blutroten Schmolllippen einen Tanztheater-Striptease hinlegt.

Mit seiner Frau (zynisch und müde: Jacqueline Macaulay) liefert sich Fridolin Dialoge, die von Edward Albee, dem Meister der Bühnenehekriege, inspiriert sind, und sich doch brechen. Tabori hat Riesen-Fallhöhen eingebaut, seine Figuren landen nach ihren Höhenflügen auf dem Luftkissen des Banalen.

Es gäbe viele Ansätze, um aus der Nummer einen irren Trip zu machen. Wolfram Koch torkelt zwischen Tragik und Slapstick daher, als solle ihn direkt der Schlag treffen, wirft Konfetti und bemüht sich, seine Pointen möglichst trocken über die Rampe zu bringen. Er erzählt Ekelwitze, sein Arztbesuch wird mit Furzeffekten garniert. Da wäre auch der Hund: Ulrich Kuhlmann trägt Pfoten-Socken und Nackenkrause und knurrt abfällige Kommentare. Fridolins Sohn (Luc Feit als gealterter Pennäler) schießt sich ein Auge aus. Aber das Stück kommt nicht in Fahrt, und das liegt an Hoffmanns uninspirierter Regie. Er kann sich nicht entscheiden, welche Position er einnehmen soll. So richtig irre und schwungvoll will er nicht. Eine Satire wird es auch nicht, er zieht sich in die reflexive Geste zurück und wird langweilig. Er könnte seine Darsteller einfach machen lassen, doch er nimmt ihnen die Luft.

Das Stück trägt Hoffmanns Handschrift vor allem, weil Taboris Text kaum im Probenprozess, also noch nicht in der Interaktion mit den Schauspielern spielbar gemacht worden war. Die Vorlagen wären da: für eine tiefschwarze Komödie, für eine Tragödie. Es bleibt die Luftnummer, mit Konfetti.

5., 6.6., Tel. 02361/92180, http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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