Suzanne Treister und Francis Hunger im Hartware Medienkunstverein

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Gespiegelte Informationen, vielleicht im Wortsinn „verkehrt“? Das bearbeitete Buchcover ist eine Arbeit von Suzanne Treister, zu sehen in der Dortmunder Ausstellung. ▪

Von Marion Gay ▪ DORTMUND–Fluch oder Segen? Information oder Manipulation? Wissenstransfer oder Überwachung? Diese Fragen stellen sich, wann immer es um moderne Technologien geht, insbesondere das Internet. In ihren narrativen Arbeiten untersuchen die Künstler Suzanne Treister und Francis Hunger die Geschichte der Informationstechnologien, zu sehen im Hartware MedienKunstVerein (HMKV) im Dortmunder U. Die spannende und umfangreiche Ausstellung präsentiert Zeichnungen, Installationen, Hörspiele, Videos und Performances.

Francis Hunger, geboren 1976 in Dessau, beschäftigt sich vor allem mit der Technologie und Ideologie der Sowjetunion. In seiner Ausstellung „History has left the building“ spürt er den Hoffnungen und Visionen des Sozialismus nach. Zum Beispiel im Hörspiel und der Installation „Die Frau, die nie ins Weltall flog“ (2009–2012), das auf der wahren Geschichte der Irina Ewgenina Schukowa beruht, die ausgebildet wurde, um als erste Kosmonautin der Geschichte in einem Wostok-Raumschiff die Erde zu verlassen. 1963 wählte das Sowjet-Regime jedoch eine andere Frau aus. Hunger konstruiert die Geschichte und sucht nach möglichen Gründen für die Entscheidung. Seine raumgroße Installation „Die Setun-Verschwörung“ (2005– 2008) sieht aus wie ein Behördenschalter. An mehreren Wochenenden wird der Künstler selbst hier sitzen und Fragen der Besucher, die sich entlang der Absperrung in einer Reihe aufzustellen haben, über einen weltweit einmaligen sowjetischen Computer beantworten. Kommentare sind nicht gestattet, wie auf einem Plakat zu lesen ist.

Die britische Künstlerin Suzanne Treister, geboren 1958, setzt sich dagegen in ihrer Ausstellung „Hexen 2.0“ mit der Geschichte der digitalen Informationstechnologie des Westens, vor allem der USA, auseinander. Sie erforscht die Ursprünge des Internets sowie die zeitgenössischen sozioökonomischen Verstrickungen und Risiken für eine Gesellschaft, die aufgrund ihrer Technologie-Abhängigkeit leicht zu kontrollieren ist (siehe Facebook und Google).

Das Herzstück ihrer Ausstellung, die Werkreihe „Tarot“ (2009–2011), besteht aus 78 wunderschön filigranen Zeichnungen in DIN- A4-Format, die vor Details nur so bersten. Darin setzt Treister historische Persönlichkeiten wie Martin Heidegger, Margret Mead und William Blake in den Mittelpunkt und reflektiert über okkulte Praktiken und Kybernetik. Wie auf traditionellen Tarotkarten erscheint die Persönlichkeit als geheimnisumwitterte Gestalt inmitten gesellschaftlicher Prozesse, mal als Lichtgestalt, mal als Protagonist von Verschwörungen. Dabei vermischt die Künstlerin historisch belegte Fakten mit Fiktion und fordert den Besucher heraus, sich selbst ein Bild von der Wahrheit zu machen.

Ebenso geheimnisvoll die 50-teilige Werkreihe „Literatur“ (2009–2011), die spiegelverkehrte Cover von Büchern zeigt, die Treister während ihrer Nachforschungen verwendet hat. Darunter Romane und wissenschaftliche Abhandlungen zu Fragen der Kybernetik, Informatik, Psychologie und Soziologie.

Zeitgleich zu sehen ist die Installation „Democracies“ (2009–2011) von Artur Zmijewski im Rahmen von „klopsztanga – Polen grenzenlos NRW“. Es sind 25 kurze Dokumentarvideos, die Meinungsäußerungen im öffentlichen Raum zeigen: johlende Fußballfans, Demonstranten oder Militärparaden. Hier vermischt sich der Sound der jeweiligen Veranstaltung zu einer quälend lauten und beängstigenden Kakophonie.

Bis 22.7., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 823106, http://www.hmkv.de

Quelle: wa.de

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