Suzanne Joinsons Roman „Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste“

Von Ralf Stiftel ▪ Vom Radfahren handelt dieses Buch nicht so sehr, auch wenn Suzanne Joinson ihrem Buch diesen Titel gab. „Reise nach Kashgar, oder: Mit dem Fahrrad durch die Wüste“, so lautet der vorläufige Titel, unter dem Evangeline English einen Reiseführer schreiben will.

Aber Sand taugt nun mal nicht zum Zweiradfahren. Zumal die Reise von Evangeline, ihrer Schwester Millicent und deren Freundin Lizzie abrupt eben in Kashgar endet. Vor allem Millicent ist im Namen des Herrn unterwegs, als Missionarin auf der alten Seidenstraße, an einer Schnittstelle des chinesischen und des muslimischen Kulturkreises, als das noch abenteuerlich war: 1923. Sie treffen auf ein hochschwangeres Mädchen, dessen Wehen eingesetzt haben. Das Kind kann die resolute Millicent retten. Die Mutter verblutet. Die drei Engländerinnen werden festgehalten unter dem Vorwurf von Mord und Hexerei. Und das Fahrrad wird geschoben.

Das ist die eine Handlungsebene im Romandebüt von Joinson, geboren 1974, in Sussex lebend. Die Autorin hat für den British Council internationale Literaturprojekte organisiert und musste dafür viel reisen. Frieda, die junge Londonerin im Roman, hat einen ähnlichen Job für eine internationale Denkfabrik. Sie arbeitet an einer Studie über die Jugend in der islamischen Welt, ist aber gerade in England, als sie die Nachricht erhält, dass sie Alleinerbin von Irene Guy ist, einer Frau, die sie nicht kennt. Gerade ist Frieda Tayeb zugelaufen, der einen Platz zum Schlafen braucht. Der Jemenit ist illegal im Land, ihm droht die Entdeckung durch die Behörden. Mit ihm untersucht sie die Wohnung der Verstorbenen. Das Erbe aber ist nicht Friedas einziges Problem. Ihre Beziehung zu Nathaniel kriselt. Der ist verheiratet, will sich nicht zwischen Geliebter und Frau entscheiden.

Kapitel um Kapitel wechselt Joinson zwischen den Schauplätzen und den Heldinnen. Und deckt auf, wie die jungen Frauen verbunden sind. Der Roman ist geschickt aufgebaut zum Beispiel in der Spiegelung, mit der 1923 die Engländerinnen unverhofft als unerwünschte Fremdlinge angeklagt werden. Es ist eine Vorwegnahme dessen, was Tayeb im modernen London widerfährt, das vom internationalen Terror verunsichert ist. Ob er etwas von „Al … Jazz … oder so“ wisse, fragt ihn ein Freund. Tayeb fällt nur „Al-Dschahiz“ ein, ein „Buch der Tiere“, nicht die Terrororganisation Al Kaida.

Das Zeitkolorit ist fein getroffen, die Unruhen im sich entkolonialisierenden Asien mit Religionskonflikten, die in Kashgar, im Grenzbereich zwischen Tibet, China und der arabischen Welt besonders brodeln und wo die Frauen im Basar von den Männern angegafft werden, in einer Welt verstörender Gerüche und exotischer Farben. Und auch Friedas seltsam entfremdete Familienbeziehungen sind spannend geschildert. Sie sucht ihre Mutter und findet sie in einer Späthippie-Kommune, wo sie ihr Leben an den Lehren eines Gurus ausrichtet. Abenteuer, schreibt Evangeline einmal, seien immer etwas Privates und Intimes. Joinson verzahnt das Private durchaus mit dem Politischen, erzählt von Emanzipation und Ideologien.

Suzanne Joinson: Kashgar oder Mit dem Fahrrad durch die Wüste. Deutsch von Ulrike Thiesmeyer. Bloomsbury Verlag, Berlin. 462 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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