Das Suermondt-Ludwig-Museum Aachen zeigt Balthasar van der Ast

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Meisterlich hat Balthasar van der Ast Oberflächen und Strukturen festgehalten in „Tulpe mit Schneckenhaus und Schmetterling.“

Aachen  - Selten wurde eine Blume so verherrlicht wie die „Tulpe Sommerschön“. Balthasar van der Ast widmete der weiß-rot geflammten Blüte ein regelrechtes Porträt. Sie allein beherrscht das Bild, wie sie stolz aus der goldgefassten Glasvase zum Himmel ragt und mit ihrer ganzen Pracht den Blick fängt.

Wie es sich für einen Barockmeister gehört, mahnt van der Ast den Betrachter, an die Vergänglichkeit allen Seins zu denken, indem er oben einen Schmetterling und auf der Tischplatte eine Fliege darstellt, der eine wegen der Verwandlung aus der Raupe Symbol der Auferstehung Christi, die andere ein Bild des Teufels, weil sie Verderben bringt.

Zu sehen ist das recht kleine Meisterwerk im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen. Das Haus begleitet die Kunstmesse Tefaf in Maastricht regelmäßig mit exklusiven Schauen, die vorzugsweise einen weniger bekannten Altmeister vorstellen. Diesmal Balthasar van der Ast (1593/4 – 1657), in Middelburg geboren, der ein Leben lang offenbar nichts anderes gemalt hat als Blumen, Früchte, Schneckenhäuser und Muscheln. Und natürlich einen halben Zoo von Fliegen, Mücken, Faltern, Spinnen, Eidechsen, die seine grandiosen Stillleben bevölkern.

Zu Lebzeiten war van der Ast erfolgreich, besaß mehrere Häuser, und seine Bilder hingen zum Beispiel im Palast des Statthalters der Niederlande, Frederik Hendrik. Er bediente die Nachfrage einer durchaus zahlungskräftigen Klientel, zunächst in seiner Geburtsstadt Middelburg, später in Utrecht und Delft, und zwar die der Botaniker und Blumenfreunde. Es war die Zeit der Tulpenmanie, als die Blumenzwiebeln zu Spekulationsobjekten in unvorstellbarem Ausmaß wurden, bis 1637 der Markt einbrach. Abends, nach getaner Gartenarbeit, oder auch im Winter saßen die Liebhaber im Salon und erfreuten sich an Gemälden, die Blüten aller Art und virtuos komponierte Prachtsträuße zeigten. Diese Stillleben waren die Liebhaberei einer Bürgerschicht, und die Kostbarkeiten auf ihnen wie die seltenen Muschelschalen und Schneckenhäuser aus Ostasien und der Karibik zeugen von einem Leben, in dem Muße ihren Platz hatte. All diese Sammler, die sich die Schönheit ihrer Tulpen über die kurze Zeitspanne der Blüte hinaus festhalten ließen.

Die Buketts zeigen zwar höchst realistisch verschiedene Blumen. Aber sie waren nichts weniger als wahrheitsgetreue Wiedergaben der Natur, wie auch der Ausstellungstitel „Schöner als die Wirklichkeit“ unterstreicht. Van der Ast kombinierte in seinen Gemälden Pflanzen, die zu unterschiedlichen Jahreszeiten blühen. Diese Tafeln sollten oft und lange angeschaut werden. Sie stecken voller Details und Symbole, die der gebildete Betrachter entschlüsseln konnte. Überall Verweise auf die Vergänglichkeit, Raupen und Schnecken, die Löcher in Blätter fressen. Oder Eidechsen, die wegen ihrer Häutungen für die Auferstehung standen, ein Markenzeichen van der Asts. Im 1621 datierten „Blumen- und Früchtearrangement“ ist die kleine Schnecke auf dem Weinblatt nur von Nahem zu erkennen, und an der Vase ganz rechts hängt nicht nur eine Spinne an hauchdünnem Faden, es gibt auch noch ein weiteres Netz voller Jungtiere. Van der Ast arbeitet virtuos die Details heraus, Aderungen an Blättern zum Beispiel, vieles ist mit unbewaffnetem Auge kaum zu erkennen. Aber im Gegensatz zu Zeitgenossen wie seinem Lehrer (und älteren Schwager) Ambrosius Bosschaert achtete er mehr auf den Gesamteindruck und nahm dafür in Kauf, wenn eine Blüte halb verdeckt war. Dafür spielte er kunstvoll mit der Wahrnehmung. Da hängt eine Tulpe über die Tischkante, dass man denkt, sie müsse jeden Augenblick fallen. Oft hält sich ein Falter an der Kante fest, und man muss zweimal hinschauen, um sicher zu sein, dass auch dieses Insekt gemalt wurde und nicht durchs Fenster auf die Tafel geflattert ist. Van der Ast steckt manchen üppigen Strauß in eine Glasflasche, die eigentlich viel zu klein ist, um das Gewicht zu halten, und deren Hals zu eng wäre für all die Stängel.

Das Team um Museumsdirektor Peter van den Brink und die Kuratorinnen Sylvia Böhmer und Sarvenaz Ayooghi hat das Werk erforscht, van der Ast soll mit dieser ersten Werkschau wieder so bekannt gemacht werden, wie er es verdient. Von seinen rund 220 bekannten Gemälden sind fast 40 in der Schau, dazu einzelne Blüten und Muscheln auf Papier. Weil das Stillleben ein weniger geachtetes Genre war, weil seine Malweise nicht die Glätte der französisch beeinflussten Hofmalerei des späten 17. Jahrhunderts entsprach, wurde der Künstler nach seinem Tod recht schnell vergessen. Erst in den letzten Jahren ändert sich das, inzwischen erzielen seine Gemälde auf dem Markt siebenstellige Beträge. Und van den Brink beklagt Auswüchse des Kunsthandels: Manche Händler zersägen Tafeln mit großen Arrangements, die ursprünglich so etwas wie Schaufenster für den Künstler waren. Das Perverse daran: Die kleine Vase und der einzelne Obstkorb bringen dann höhere Summen ein als die ursprüngliche, größere Komposition.

In dieser Schau ist der genaue Blick gefragt. Dann genießt man den Effekt der Gouache eines Schneckenhauses, das am dünnen Faden hängt und auf Pore und Riefe genau, mit perfektem Schattenwurf aufs Papier gebracht wurde. Dann freut man sich an den geradezu choreografierten, lichteren Sträußen des Spätwerks, wo van der Ast zum Beispiel die Faulstelle einer aufgeplatzten Pflaume so fixierte, dass man noch Jahrhunderte danach das süße Aroma in der Nase zu spüren meint.

Bis 5.6., di – fr 12 – 18, mi bis 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0241 / 47 98 040, www. suermondt-ludwig-museum.de, Katalog, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 29,95 Euro,

anschließend Museum Schloss Friedenstein Gotha, 2.7. - 2.10.

Quelle: wa.de

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