„Stuff“: Das Zeug von Antje Dorn im Museum Folkwang Essen

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Nur gucken, nicht anbeißen: Der nachgebaute Schokoriegel von Antje Dorn ist in Essen zu sehen. ▪

Von Annette Kiehl ▪ ESSEN–Wer beim Internet-Suchdienst Google den Begriff „Motor Girls“ eingibt, der findet in der Bilderauswahl zunächst das Erwartete: Junge Frauen mit wenig Stoff an glänzenden Körpern, die sich an das Blech schmiegen. Etwas weiter unten erscheint ein anderes Bild: Ein Sammelsurium aus alten Rennwagen, Pick-Ups und Treckern mit Damen drum herum. Doch in Antje Dorns Comic-artigem Bild „Motor Girls“ sind das keine auffordernd grinsenden Blondinen, sondern bodenständige Frauen. Sie werkeln beherzt an den Autos, steuern sie oder gebrauchen die Karosserien als Turngerät. Ohne jede erotische Konnotation. Schade?

Mit Antje Dorn stellt das Museum Folkwang in Essen eine Künstlerin aus, die mit Bildern der Werbewelt spielt. Ganz ohne verbitterte Kapitalismuskritik, doch wunderbar entlarvend und witzig. „Stuff“, die erste große Ausstellung zu Antje Dorn, beschäftigt sich mit Aspekten der Alltagswelt, die selten bewusst wahrgenommen werden: Werbetafeln, Anzeigen für Automessen, Schokoriegelverpackung. Zeug eben, auf Englisch „Stuff“.

Diesen Symbolen einer durch-designten Warenwelt setzt die 1964 geborene Künstlerin eine holprig und unbeholfen wirkende Ästhetik entgegen. Die Fotokameras, die Dorn baute und dann fotografierte, sind keine High-Tech-Digitalkameras. Es sind unförmige Apparate, mit unregelmäßigen, runden Ecken. Die Knöpfe sind riesig und schief, und ihre Beschriftungen wirken, als seien sie von einem Kind hingekrakelt: Yes, No, Yes, No, On, steht auf einem leuchtend blauen Stück der Serie „Pupille“ (2007-2009); der Blitz dieses Gerätes ragt wie der Späher eines U-Bootes nach oben.

Die Fotos dieser Objekte sind einfach, dabei sehr schön und witzig. Doch darüber hinaus zielt Antje Dorn vielleicht auf das Bedürfnis der Menschen nach etwas Unregelmäßigem, Zufälligen, Kindlichem in einer zunehmend technisierten Umwelt.

So schwingt in der Ausstellung auch eine ironisch gefärbte Nostalgie mit. „Quality Street“, eine Serie von winzigen Gemälden und Objekten, die säuberlich an einer Wand aufgereiht sind, trifft ebenfalls diese Ahnung. Der Titel bezieht sich auf die britische Schokoladen- und Toffee-Mischung, die vor allem durch die bunten Blechkisten berühmt ist. Antje Dorn baute für ihre „Quality Street“ in den 1990er Jahren kleine Imitate von Schokoriegelverpackungen: Bunte Schachteln mit geschwungenen Markennamen (Mars, Sarotti, After Eight ...). Doch sie imitiert nicht allein die Warenwelt und unterstreicht wie die Pop-Art-Künstler die Versprechen von Genuss, Vergnügen und Freiheit. Statt dessen spielt Dorn mit den fetischhaften Zügen der Marken, zieht sie aus ihrem eigentlichen Zusammenhang heraus, und karikiert sie durch die unperfekte Nachbildung. Diese „Diener der Produktion, Wirtschaft und Kommunikation“ werden „arbeitslos, wandeln sich von Instrumenten zu Protagonisten mit Eigenleben“, beschrieb die in Aachen geborene, in Berlin lebende Künstlerin diesen Prozess in einem Interview.

Auch Häusern hat Dorn dieses Eigenleben gegeben. Die Imbisse ihrer Bilderserie von 2003/04 sind architektonisch meist zweckmäßig und unspektakulär gestaltet. Doch die würfelförmigen Buden werden von riesigen Werbetafeln überlagert, ja gar von den über-großen Buchstaben in den Hintergrund gedrängt. „Brokkoli“, „Spinat“ und „Frogs“ statt wie üblich Pizza und Hamburger werden dort schön ironisch angepriesen. Was zunächst absurd wirkt, erscheint bei näherem Hinsehen aber gar nicht mehr so abgedreht. Wer die in den Himmel strebenden Leuchtreklamen der großen Fastfood-Ketten, Super- und Sofamärkte an der Autobahn 40 kennt, wird sich erinnert fühlen.

Bis 29.5., di – so 10 bis 18, fr bis 22.30 Uhr, Tel.: 0201/ 88 45 444; Katalog 28 Euro, Steidl Verlag, Göttingen,

www. museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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