Studie über den Luftkrieg: Dietmar Süß‘ Buch „Tod aus der Luft“

Von Jörn Funke ▪ Die Bomber über London verbreiteten Panik. Menschen flüchteten in U-Bahn-Stationen, kämpften um die letzten Plätze in den Schutzräumen. Als die Flugzeuge abdrehten, blieben 162 Tote zurück, die meisten davon Schulkinder. Die Öffentlichkeit rief nach Vergeltung. Es war der bis dahin schwerste deutsche Luftangriff auf die britische Hauptstadt – am 17. Juni 1917.

Der Luftkrieg war im Ersten Weltkrieg zwar noch weit von dem Inferno entfernt, das im Zweiten Weltkrieg folgen sollte; aber er schuf die Grundlagen dafür. Der Historiker Dietmar Süß untersucht in seiner Studie „Tod aus der Luft“ den Weg in den Bombenkrieg, der ab 1940 zunächst britische und dann deutsche Städte zerstörte. Es geht um die Folgen der Luftangriffe für die Gesellschaften beider Länder. Der Autor, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, gibt sich betont sachlich – auch in Abgrenzung zu Jörg Friedrichs Bestseller „Der Brand“, in dem die Bombennächte wortmächtig beschrieben, aber historisch kaum eingeordnet wurden.

Ereignisgeschichte, Militärstrategie und Waffentechnik streift Süß nur am Rande. Ihm geht es um den Kriegsalltag und „den Krieg als Gesellschaftszustand“: Wie organisierten Deutsche und Briten den Bau von Schutzräumen, die Evakuierung der Stadtbevölkerung, die Versorgung der Ausgebombten, wie planten sie den Wiederaufbau der Städte? Hinter diesen Fragen standen aus Sicht von Regierung und Militär auf beiden Seiten mehr als praktische Erwägungen: Die „Kriegsmoral“ und die Fähigkeit zur Mobilisierung aller Kräfte wurden als entscheidend für den Sieg betrachtet.

Süß findet Gemeinsamkeiten, aber er arbeitet auch Unterschiede heraus. Die Bevölkerung ordnete sich sich in beiden Ländern den Kriegszielen unter, schreibt er. In den Hochbunkern und in der Untergrundbahn bildeten sich Notgemeinschaften, die von der Obrigkeit skeptisch beäugt und als Vorboten einer solidarischen Gesellschaft gefeiert wurden. In Großbritannien waren Minderheiten dabei trotz einiger Unmutsbekundungen eingeschlossen; und trotz der Zensur war eine öffentliche Debatte über den Krieg grundsätzlich noch möglich, so Süß.

Die deutsche Gesellschaft hatte sich seit 1933 kontinuierlich radikalisiert. Der Bunker gehörte der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“, Juden und Zwangsarbeitern wurde der Schutz verweigert. Die Solidarität unter den Bunkerinsassen litt allerdings mit fortschreitender Kriegsdauer. Dass Frauen und Kinder im Bunker bevorzugt Platz finden sollten, stieß 1944 SD-Protokollen zufolge auf Protest; das Klima wurde zunehmend gewalttätig.

Süß führt ein akribisches Protokoll des Luftkriegs. Dazu gehört die Rolle der Kirchen, die in Großbritannien verhalten kritisch und in Deutschland überwiegend kriegsfördernd ausfiel. Und dazu gehört das Nachleben der Bombennächte.

In Deutschland und in Großbritannien blieb die Erinnerung an den Luftkrieg lebendig. Bei den Briten entstand der Mythos vom „Blitz“, in dem die Nation einig zusammenstand. In Deutschland wurde das Gedenken eher auf kommunaler Ebene gepflegt, in praktisch jeder Stadt wurde der Bombentoten gedacht. Eine hitzige Diskussion auf nationaler Ebene setzt erst mit Jörg Friedrich ein, der für sich in Anspruch nahm, ein Tabu zu brechen. Das, schreibt Süß, habe es nie gegeben. Es ist die einzige Stelle, an der seine erfreulich nüchterne Darstellung ein wenig emotional wird.

Dietmar Süß: Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England. Siedler Verlag, München. 717 S., 29,99 Euro

Quelle: wa.de

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