Studie von Maier/ Patzold über die Goten in Rom

Von Jörn Funke ▪ Für die Zeitgenossen muss es eine Art 11. September der Antike gewesen sein: Am 24. August 410 eroberten die Goten Rom. Acht Jahrhunderte lang war kein Feind in die Stadt eingedrungen – ein unerhörtes Ereignis, dass Weltbilder ins Wanken bringen musste. Was damals genau geschah, ist unterdessen gar nicht so klar. Die Historiker Mischa Meier und Steffen Patzold zeigen in ihrer Studie „August 410 – Ein Kampf um Rom“, wie spätere Deutungen unser Bild des Geschehens prägen.

Mehr als 20 Darstellungen vom 5. bis zum 20. Jahrhundert haben der Althistoriker Meier und der Mediävist Patzold gesichtet. Sicher ist demnach nur eins: Eine Armee unter dem General Alarich (um 370-410) eroberte und plünderte die Hauptstadt des römischen Imperiums und zog nach drei Tagen wieder ab. Alarich selbst starb kurze Zeit später in Kalabrien.

Zu den Details der Eroberung sagen die zeitgenössischen Schriftquellen wenig. Die Deutung des Kampfes um Rom beginnt dagegen schon, bevor er überhaupt begonnen hat. Mit den Lobeshymnen des römischen Dichters Claudius Claudianus auf Alarichs römischen Gegenspieler Stilicho, der bereits 408 starb, beginnen Meier und Patzold den Reigen der Geschichtsbilder und führen den Leser in die komplexe politische Situation des frühen 5. Jahrhunderts ein.

Im römischen Vielvölkerreich war die alte Hauptstadt längst kein Machtzentrum mehr, sie hatte nur noch symbolischen Wert. Während der Präfekt Rutilius Claudius Namatianus die Stadt sieben Jahren nach der Plünderung noch zur „Königin der Welt“ erhebt und die Segnungen der römischen Zivilisation preist, sieht Kirchenvater Augustinus die Eroberung Roms als Zeichen für das Ende dieser heidnischen Welt – die Zerstörung wird für ihn zur verheißungsvollen Botschaft.

Die Hand Gottes sah auch der mittelalterliche Chronist Otto von Freising im Spiel, beim Humanisten Flavio Biondo ziehen menschliche Protagonisten die Fäden, bei den Autoren des 19. Jahrhunderts sind es dann die Völker. Ferdinand Gregorovius („Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter“ 1856-71) und Felix Dahn („Ein Kampf um Rom“, 1876) verfielen dem Bild eines dekadenten, dem Untergang bestimmten Roms, dem die frischen, unverdorbenen Germanen gegenüberstanden. Dahns historischer Roman formte hier das unheilvolles Weltbild eines germanisch-romanischen Gegensatzes bis in die Gegenwart.

Meier und Patzold zeigen, wie das Bild eines Ereignisses durch die Geschichtsschreibung bestimmt wird, wie Autoren über Jahrhundert von einander abschreiben und aus anekdotischen Beiträgen historische Wahrheiten werden. Die Konsequenz, mit der sie ihren Ansatz verfolgen, ist Stärke und Schwäche des Projektes zugleich. Schließlich möchte man als Leser doch noch wissen, was damals geschah. Meier und Patzold bleiben diese eine Antwort schuldig.

Mischa Meier / Steffen Patzold: August 410 – Ein Kampf um Rom. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 259 S. 19,90 Euro.

Quelle: wa.de

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