Streifzug durchs Problemviertel: „Crashtest Nordstadt“ in Dortmund

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Coole „Checker“ steuern per Handy das Spiel beim „Crashtest Nordstadt“ – und zocken am Börsentisch. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Ein Gespräch unter Freunden führen sie bestimmt nicht auf der Dürener Straße, an dem alten Ford-Kombi. „2900 Euro für diese Schrottkarre?“ empört sich der Türke mit dem sauber ausrasierten Bart.

Er spricht uns an: „Was ist für Sie ein kleiner Unfallschaden?“ Schon stecken wir zwischen den Fronten, sollen Partei ergreifen. Ursula findet den Wagen ja schön geräumig und meint, das wäre doch ein fairer Preis. Jürgen kommen Zweifel, als der Kaufinteressent den öligen Finger zeigt. Der Motor leckt. Und Tüv hat der Wagen auch nur noch einen Monat. „Sind in Dortmund eigentlich alle so ungastlich?“ fragt der Kaufinteressent jetzt. „Jetzt reden wir schon eine Stunde und mir hat noch keiner was angeboten, nicht mal nen Schluck Wasser.“ Sein Kontrahent greift ins Auto, reicht ihm eine halbvolle Plastikflasche. „Bitte!“

Die türkischen Schacherer wollen gar kein Auto verkaufen. Das hier ist unsere letzte Station beim Theaterprojekt „Crashtest Nordstadt – Mach mein Spiel“. Aber die Männer wirkten schon verdammt echt.

Wer nicht gerade hier wohnt, kennt die Nordstadt in Dortmund eher vom Durchfahren. Die Gegend hat keinen guten Ruf. Eine arme Gegend mit hohem Migrationsanteil, hoher Arbeitslosigkeit, hoher Kriminalitätsrate, mit Prostitution und Drogenproblemen. Das Team um Regisseur Jörg Lukas Matthaei sah gerade darin eine Herausforderung für das Stadttheater. Der „Crashtest“ bringt das Theaterpublikum in das Viertel. In kleinen Gruppen flanieren sie zu Fuß durch die Straßen rund um den Borsigplatz zu verschiedenen Stationen, wo gespielt wird. Man trifft Nordstädtler wie Adolf (79), der uns munter zahnlückig angrinst und sagt, dass wir hier richtig sind. Zwei von uns müssen nun hoch in das Haus, in eine heruntergekommene Wohnung mit Wasser in den Wänden. Wir gehen zum Lokal „Actien-Becher“, vor dem uns Heike in Empfang nimmt, die gern vom Leseprojekt an der Schule erzählt, bei dem sie mitmacht. Und wir betreten „My Islamic Bank“, wo wir auch im richtigen Leben unser Geld „halal“ investieren könnten, also nach den Regeln des Islam.

Die Schnitzeljagd für Erwachsene ist aber mehr als nur eine Erkundung im sozialen Brennpunkt. Begonnen hat alles in der Neuapostolischen Kirche, wo uns seltsame Typen in Empfang genommen haben, „Checker“ und ihre Helfer. Die Teilnehmer des Spiels verwandeln sich in Aktien, in IT-Networks, Bankwerte, aber auch in Schankbier und Häusliche Pflege. Unsere Checkerin Yasemin stellt uns zu einem „Portfolio“ zusammen, schön gemischt, und dann dürfen wir los, ausgerüstet mit Stadtplan und Handy, über das wir mit Yasemin in Kontakt bleiben. Wenn wir eine Aufgabe gut lösen, gibt uns der Nordstädtler an der Station eine gute Bewertung, und unser Kurs steigt. Aber während wir die Nordtstadt erkunden, zocken die Checker auch am runden Börsentisch und lassen den „NAX“ abgehen, den Nordstadt-Aktien-Index. Wir bekommen die Zwischenstände auf unsere privaten Handys. Warum unser Wert sinkt oder steigt, verstehen wir nicht. Aber man merkt, wie es sich anfühlt, taxiert zu werden.

Ein Theaterstück ist das natürlich nicht. Eher eine soziale Intervention, lehrreich und unterhaltsam und sehr toleranzfördernd. Es gibt 20 Stationen, von denen man fünf abläuft. Man pflanzt vielleicht Blumen am Bahndamm oder ist lebende Facebook-Nachricht in einem Jugendtreff. Oder man gerät in einen „Tatort“-Krimi mit Leiche. Bei der Premiere wirkte das offenbar so echt, dass Passanten die Polizei herbeiriefen.

Am Ende gibt‘s zum Lohn für den Weg ein gemeinsames Essen. Auch für die vielen beteiligten Laien ist das Projekt ein Erfolg, im Herbst soll der „Crashtest“ fortgesetzt werden.

Crashtest Nordstadt - Mach mein Spiel am Theater Dortmund. Treffpunkt Nordmarkt. Bequeme Schuhe und wetterfeste Kleidung sind empfehlenswert. 19., 20., 21., 23., 24., 27., 28., 29.6., Tel. 0231/ 50 27 222, http://www.theaterdo.de, http://www.crashtest-nordstadt.de

Quelle: wa.de

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