Stephen Karams „The Humans“ in Bochum

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Leckereien von Plastiktellern: Szene aus „The Humans“ mit Kristina Peters, Johanna Eiworth, Bernd Rademacher, Michael Kamp und Karolina Horster (von links).

BOCHUM - Wenn Richard in der neuen Wohnung an den Kühlschrank will, muss er sich zwischen den Klappstühlen und der Wendeltreppe durchzwängen. Der Lack an der Treppe ist abgegriffen. Es gibt ein Fenster, ein vergittertes Fenster. Die Glühbirnen brennen durch. Statt Möbeln stehen überall Umzugskisten. Und immer wieder kracht es: die 70-jährige Chinesin aus der Wohnung oben. Aber Brigid findet es „schön groß“.

Die zweigeschossige Souterrainwohnung in ihrer Abgewohntheit sagt schon viel darüber, wie es um die Familie Blake steht. Überrascht es irgendwen, wenn von nun an über die Protagonisten in Stephen Karams Stück „The Humans“ immer neue Katastrophen hereinbrechen? Das heißt: Eigentlich ist das Elend schon am Anfang dieser Thanksgiving-Feier da. Doch sie sprechen nicht darüber, erst muss noch der Alkohol die Zungen lockern.

Karams Tragikomödie läuft in den USA erfolgreich am Broadway, hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter den Tony Award 2016 als bestes Stück. Leonard Beck inszeniert die deutsche Erstaufführung am Schauspielhaus Bochum. Man versteht vielleicht die USA etwas besser durch dieses Psychogramm einer Mittelstandsfamilie, die alle Sicherheiten verliert. In der Tradition der großen US-Dramatiker lässt Karam in seinem Stück die Krisen in einer Feier eskalieren, im uramerikanischen Thanksgiving. Tochter Brigid, eine erfolglose Komponistin, die sich mit Aushilfsjobs durchbringt, zieht mit ihrem neuen Freund Richard zusammen. Vater Erik und Mutter Deirdre hätten als irischstämmige fromme Katholiken lieber eine richtige Hochzeit. Aber sie fügen sich, bringen Care-Pakete und eine Statue der Jungfrau Maria. Brigids Schwester Aimee hingegen muss die Trennung von ihrer Lebensgefährtin verarbeiten, den Verlust ihres Jobs als Anwältin und die Aussicht auf eine Darmoperation. Deirdre leidet an Fressanfällen und Arthritis und sie nervt die Familie dadurch, dass sie SMS und E-Mails schickt, in denen es um Krebserkrankungen geht oder auch um den Selbstmord einer Lesbe. Hinzu kommt noch Eriks demente Mutter Momo, die apathisch im Rollstuhl sitzt und unverständliches Zeug brabbelt. Und so weiter. Keiner bleibt hier verschont. Diese Familie, die der Stücktitel zu menschlichen Archetypen erhöht, rutscht ab ins Elend.

Da kann Vater Erik noch so oft beschwören: „Alles ist gut.“ Die Blakes fallen dem Umbruch der US-Gesellschaft zum Opfer. Und den letzten Rest an Sicherheit hat der Terroranschlag vom 11. September 2001 pulverisiert, den Aimee knapp überlebte. Erik hat Alpträume von einer Frau ohne Gesicht.

Beck inszeniert dieses düstere Zeitbild durchaus mit Sinn für komische Momente. Die Peinlichkeit zum Beispiel, wie sich aus der Kümmerhaltung der Eltern ergibt, die längst keine Sicherheit mehr zu bieten haben. Die seltsamen Familienrituale wie das Zerschlagen des Pfefferminzschweins. Aber oft müssen die Akteure auch betreten schweigen, und dann dehnt sich die Zeit. Der Zuschauer ahnt, dass hier immer noch eine katastrophale Enthüllung bevorsteht. Das dämpft die Spannung. Am Ende bleibt der Abend etwas unentschieden zwischen den überdrehten Momenten und der tragischen Grundstimmung. Vielleicht hätte die Inszenierung mehr Schrillheit wagen müssen.

Das Ensemble schlägt sich wacker. Bernd Rademacher gibt dem Erik eine schöne Mischung aus Biederkeit und Erschütterung. Johanna Eiworth ist noch steif staksend eine wunderbar peinliche Glucke. Karolina Hörster spielt überzeugend die Künstlerin Brigid, der selbst die Karriererückschläge noch nicht alle Naivität ausgetrieben haben. Kristina Peters ist ein hübscher Gegenentwurf, lebenserfahren, aber von ihren Verlusten zermürbt.

20., 26.12., 7., 10., 20.1.2018, Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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