„Die Steinkohle“, Zweiteiler auf Arte zur europäischen Geschichte des Brennstoff

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Untertage schiebt ein Bergmann eine Kohlenlore. Die nachgestellte Szene gehört zur zweiteiligen Dokumentation „Die Steinkohle“, die erst auf Arte und dann verkürzt im ZDF zu sehen ist.

Der Abschied vom Kohlebergbau ist nicht nur eine Sache des Ruhrgebiets. Ende des Jahres werden die letzten beiden Zechen geschlossen. Die Dimension wird im Doku-Zweiteiler „Die Steinkohle“ sachlich aufgezeigt, nüchtern eingeordnet und auf europäischer Ebene bewertet. Diese Industriegeschichte kommt einem dennoch nah.

Es geht gleich in die Tiefe. „In ein Loch“ rast der Korb mit Bergarbeitern. Seilfahrt heißt das bergmännisch oder „der Weg in die Hölle“. Solange Menschen nach Kohle gruben, flackerte auch der Mythos. „Drachenfutter“ nennt Theo Grütters den Brennstoff. Der Direktor des Ruhrmuseums in Essen stellt das Industrieerbe in seinem Haus seit 2010 aus.

Die Regisseure Jobst Knigge und Manfred Oldenburg belegen in der Koproduktion für Arte und ZDF, dass Steinkohle ein europäisches Phänomen ist und der Kraftstoff 200 Jahre die Wirtschaft Europas befeuert hat. Dass das so bleibt, wird erst im zweiten Teil „Ende einer Ära“ (am Mittwoch) schlussendlich gesagt. Jedes Jahr werden 60 Millionen Tonnen Importkohle in Stahl- und Kraftwerken verheizt – kein Geheimnis hierzulande. Nur gefördert wird Steinkohle nicht mehr auf Prosper-Haniel in Bottrop und in Ibbenbüren.

„Aufbruch in eine neue Zeit“, Teil eins der Doku, erinnert an Gefahren. 1906 starben 1099 Bergleute in Courrières bei einer Schlagwetterexplosion – 122 waren keine 16 Jahre alt. Den Grubenwehren fehlte Rettungsgerät. Als deutsche Bergleute mit Atemmasken in Frankreich ankamen, sind nur noch Tote zu bergen – zerfetzt oder erstickt. Das größte Bergwerksunglück Europas ist auch ein Sinnbild dafür, dass die Kohle überall unter gleichen Bedingungen abgebaut wurde. Aus der solidarischen Aktion, die in Frankreich Vorurteile abbaute, machten deutsche Medien im Kaiserreich ein Stigma: Deutsche mussten den Franzosen erstmal zeigen, wie es geht. Diese Arroganz setzte sich fort.

Erst im Schuman-Plan 1950 legten beide Länder ihre Kohleförderung zusammen. Die Wirtschaften sollten wieder funktionieren. Kohle lieferte Energie. Erstmals stiftete der Rohstoff Frieden und stärkte Europa. Montanunion (1951) und EWG (1955) folgten.

Neue Wirtschaftszweige waren entstanden. Aus dem Gas der Koks-Kohle entwickelte sich die chemische Industrie. Plastik und Pharmaprodukte (Aspirin) konnten hergestellt werden. Bisher hatte Kohle die nationalen Wirtschaften vor den jeweiligen Weltkriegen befeuert: Stahl- und Waffenproduktion zählten dazu, Flugzeug- und Brennstoff-Entwicklung. „Kohle führt zu Krieg“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Gérard Dumont. Als Fritz Thyssen, Herr über Stahl- und Bergwerke, Adolf Hitler 1932 im Industrieclub Düsseldorf zu Wort kommen ließ, flossen anschließend Gelder der Großindustriellen an die NSDAP.

Die Dokumentation blättert viele Themen auf: Wie aus Wäldern erdgeschichtlich Kohlenstoff wurde, was für den Abbau des „Grubengolds“ wichtig war, wie sich die soziale Frage in der Industrialisierung stellte, wann die ersten Arbeitsmigranten („Polaken“) kamen.

Der Historiker Mark Carlyle erläutert, wie effizient der Bergbau wurde, als mit James Watts Dampfmaschine (1773) das Wasser aus den Gruben gepumpt werden konnte. England stieg zur Supermacht des 18. Jahrhunderts auf. Und die neue Eisenbahn war für den Brennstoff-Transport auf dem Kontinent (ab 1835) wichtig.

Kohle bedeutet Fortschritt. Von 1890 bis 1913 profitierte das Bürgertum. Historische Filmeausschnitte zeigen geschäftige Menschen, Badende an den Küsten, man entdeckte seine individuellen Vorlieben, traute sich mehr zu.

Für die Bergleute blieb die Arbeit aber hart. Wie Kohle mit bloßen Händen sortiert wurde, zeigen Aufnahmen, und wie Pferde die Loren zogen. Sie seien besser versorgt als die Kumpel selbst, sagt die Historikerin Anne Bradley.

Die Gesellschaften änderten sich. Seit der Kaiserzeit war festgelegt, dass es im Ruhrgebiet keine Universitäten gab. 1965 wurde die Ruhr-Uni in Bochum gegründet. Heute gibt es nirgendwo so viele Hochschulen wie im Revier. Auch die Kunst erhielt neue Bedeutung. Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen existieren, weil Hamburger Schauspieler 1946 Kohlen bekamen für den harten Winter. Ein Jahr später machten sie Theater im Revier. „Ein Märchen“, sagt Festivalleiter Frank Hoffmann, das aber wahr wurde.

Neun Bergmänner kommen zu Wort. Heinz Assmann ging als 13-Jähriger 1948 zum Pütt in Gelsenkirchen. Sein Vater war beim Bombenangriff umgekommen. Wie Armut zur Demütigung führt, erlebte er in jungen Jahren. Die Dokumentation berührt mit dem Schicksal vieler Bergleute.

Arte, 20.15 Uhr, 2. Teil am Mittwoch zur gleichen Zeit; am 19. 12. im ZDF, 0.30 Uhr als Einteiler

Quelle: wa.de

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