Der Steiger lockt: „Heimat unter Erde“ in Dortmund

DORTMUND – Wäre ich doch, denkt sich Ali Baykurt nach Jahren auf Zeche, wäre ich doch auf meinem anatolischen Acker geblieben! Doch da war dieser Bergmann, ein Geist mit schwarzem Gesicht, der hat ihn umkreist wie Mephisto den Faust und ihm ein besseres Leben unter Tage verheißen. Dort sitzt er nun. Von Edda Breski

„Heimat unter Erde – Memleket topragin altinda“ heißt das Stück, das den türkischen Bergleuten gewidmet ist, die in den 60er Jahren angeworben wurden, auf Druck der Zechenbetreiber, denen Arbeitskräfte fehlten. Untertitelt ist es „Eine Dortmunder Tiefenbohrung“, die Uraufführung fand am Dortmunder Schauspiel statt. An der Entstehung waren deutsche und türkische Bergleute beteiligt sowie junge Menschen aus dem Dortmunder Norden, wo heute Kinder und Enkel der türkischen Bergleute leben. Ein Problemstadtteil.

„Der Sinn war, dass ihr wieder geht“, lässt Autor und Regisseur Stefan Nolte einen Arbeitsvermittler zu einem 18-Jährigen sagen. Der Junge heißt Yusuf, er antwortet: „Mein Großvater hat diese Stadt mit aufgebaut.“ Sein Konflikt ist die Klammer für den Rückblick auf Ali Baykurts Leben, eine Mischung aus Fiktion und Realität auf mehreren Zeitebenen.

Ali Baykurt (Orhan Müstak) kommt in den 60ern nach Dortmund und fängt auf der Zeche Minister Stein in Eving an. Dort begegnet er dem Betriebsführer Hoffmann (Andreas Beck) und seiner Tochter Anna (Caroline Hanke als ungestümes junges Mädchen), in die er sich verliebt. Hoffmann will zwar, dass der Türke für ihn arbeitet. In seiner Familie will er ihn nicht.

Dafür bekommt Ali dämliche Sprüche zu hören: „Mach hin, Baykurt, da hinten warten noch bei Dieter und bei Hans“, kalauert Betriebsführer Hoffmann und besieht sich Ali, als sei der ein Pferd, das zum Verkauf steht. Das ist nah dran an der derben, oft hemdsärmeligen Art der Männer vom Pütt, nur kommt es aus dem Munde eines Wirtschaftswunder-Gewinnlers. Die echte Kameradschaft wird unter Tage gelebt.

Davon erzählt der Knappenchor MGV Harmonie Zeche Viktoria. Wie der antike Tragödien-Chor kommentiert er das Geschehen. Und die Männer in Bergmannskluft verleihen dem Ganzen Atmosphäre. Auch die Bühnengestaltung (Mathis Neidhard) spielt auf den Pütt an: Es wird mit versenkbaren Elementen gearbeitet, die Schauspieler klettern über enge Treppen hinauf und herab.

Von Kameradschaft erzählen auch die Bergleute Peter Thill, Max Rehfeld und Arif Sarikaya, deren Erinnerungen sehr geschickt in die Handlung eingebaut werden. Der O-beinige, raue Thill, Vorsitzender eines Knappenvereins, zeigt mit einem Abbauhammer, wie hart die Arbeit unter Tage war. Hier malochten noch echte Männer. „Du hast die Angst in den Augen gesehen“, erinnert er sich an die ersten türkischen Bergarbeiter. Weil ihm die fremden Namen zu lang waren, taufte er seinen neuen Kumpel „Paul“.

Das Stück zeigt die Grenzen von Toleranz und gutem Willen: Wenn Anna ihrem Ali ein unbekümmertes „Denk nicht daran“ zuwirft, rührt nicht annähernd an das, was Ali, der sich fremd und allein fühlt, mit sich herumschleppt. Was soll sie auch machen?

„Heimat unter Erde“ lebt von Brechungen. Dafür bedient sich Nolte einer stilisierten Verssprache, seine Figuren deklamieren. Und er hat einen deus ex machina erfunden, den Geist des verschütteten Bergmannes, der in Alis Leben eingreift. Ekkehard Freye glänzt als boshaft verführender Steiger Maciek. Das märchenhafte Element tut dem Stück sehr gut. Ein Saz-Spieler begleitet die Handlung, streckenweise wird türkisch gesprochen.

Jugendliche wirken als Statisten mit. Die Rapper Alan, Rinas und Hüseyin erzählen vom Dortmunder Norden: ein „goldener Ort“, wo „die Jungs“ zusammenhalten. Das ist geblieben.

Quelle: wa.de

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