Stefan Pucher inszeniert bei den Ruhrfestspielen „Hedda Gabler“ als Soap

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Flirt mit dem Mantatypen: Nina Hoss als Hedda und Alexander Khuon als Lövborg in einer Szene von „Hedda Gabler“ in Recklinghausen.

Von Ralf Stiftel Recklinghausen - Hedda Gabler hat viele Gestalten in Recklinghausen. Zuerst kommt Nina Hoss als Femme fatale auf die Bühne des Ruhrfestspielhauses. Da umfängt ein langes Kleid wie eine Schlangenhaut ihren Körper, und der Saum schleift rasselnd über den Boden. An den Armen trägt sie flügelartige Polster. Halb Natter, halb bunter Vogel, so stellt sich dem Publikum Ibsens Dramenheldin vor, die an der Langeweile zugrunde gehen wird.

Später erscheint die Hoss noch als Diva der Ufa-Ära, als urbane sportive Gestalt, wie man sie in den Edelboutiquen der Metropolen findet, als scharf schießende Westernheldin wie ein Echo aus einem Tarantino-Film. Regisseur Stefan Pucher inszeniert das Stück zur Eröffnung der Ruhrfestspiele, eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin. Er lässt nicht nur seine prominente Hauptdarstellerin Wandlungen durchlaufen.

Schon die Drehbühne bietet eine Zeitreise, vom altskandinavischen Kaminzimmer mit Standuhr und Wandvertäfelung in Baumstamm rustikal über einen Salon im Stijl-Design der 1920er Jahre und eine Kopie der berühmten Spiegel-Kantine mit Pantons Möbeln und quadratischen Lichtelementen bis zum modernen Tonstudio einer Rockband. Es wird auch fleißig musiziert, Dienstmädchen Berte (Naemi Simon) glänzt vor allem an Keyboards und Flügelhorn. Immer wieder verdoppeln Videoeinspielungen das Personal und das Geschehen – bis zum Western-Showdown.

Damit führt Pucher den Zuschauer gleich in ein Motiv des Dramas: Heddas langweiliger Gatte Jörgen Tesman (Felix Goeser) arbeitet ja als Kulturhistoriker. Warum also nicht jenen frappierenden Wandel eines Begriffs durch die Epochen szenisch bebildern? Heute werben Banken mit dem Leitbild des Spießers für gutbürgerliche Solidität. Bei Ibsen kennzeichnet Heddas einstiger Geliebter, Tesmans Rivale Eilert Lövborg, seinen Niedergang damit, dass seine neue Weggefährtin ihn zum Spießer gemacht habe. Hedda langweilt sich, weil Tesman so auf Sicherheit setzt: Erst die bürgerliche Existenz festigen, dann die Selbstverwirklichung durch Konsum und Genuss.

Pucher deutet Ibsens Drama um in eine Soap, die mit Mitteln der Fernsehserie und des Musikvideos hantiert. Da gibt es harte Schnitte, die Menschen des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Zeitgenossen verwandeln und umgekehrt. Da wächst eben Tesmans Bart ebenso schnell wie er ihn verliert. Wenn er am Anfang Tante Juju (Margit Bendokat) von der Hochzeitsreise berichtet, die er vor allem in Archiven verbrachte und von der er nichts besonderes zu erzählen weiß, dann sprechen die Darsteller hölzern wie die Laienakteure in einer TV-Reality-Show. Hedda scheint ihre Identität zu suchen. Wenn Thea (Anita Vulesica) in einem Song ihre neue Rolle als Lövborgs Muse besingt, dann kopiert Nina Hoss ihre Posen und Bewegungen. Am Ende, wenn Lövborg schon tot ist, setzen sich Tesman und Thea daran, seine große Abhandlung zu rekonstruieren – und tauchen in einem Wandfenster auf wie Kasperlefiguren.

Dass Pucher Ibsen nicht zu schwer nimmt, macht den knapp zweistündigen Abend durchaus genießbar, unterhaltsam. Immer wieder spitzt er Dialoge auf Pointen hin zu. Und es ist auch ziemlich komisch, wenn Lövborg, der tief fiel und nun als Autor wieder Erfolg hat, in die Gesellschaft platzt im anachronistischen Look der Manta-Ära mit Lederjacke und Schnauzbart. Alexander Khuon wird von seinen Mitspielern in einer bizarren Choreografie umschritten, als wäre er das Goldene Kalb. Bernd Moss wiederum profiliert fein den schmierigen Amtsgerichtsrat Brack, ein Strippenzieher im Hintergrund, der in seiner Hilfsbereitschaft immer den Eigennutz des Dealers, des Zuhälters, des Erpressers durchscheinen lässt. Die jovialen Posen, in denen er sich auf Sitzmöbeln räkelt, maskieren den psychopathischen Fallensteller. Die Unterhaltungswerte vermitteln sich: Das Premierenpublikum spendete langen Applaus.

Allerdings kommen uns Ibsens Figuren so nicht nah. Hedda erscheint als ebenso launische wie boshafte Barbiepuppe, die keinen liebt, die nicht weiß, was sie will, die einfach mal Sachen kaputt macht. Wie Pucher die Hoss ins Bild setzt, das diskreditiert Ibsens Frauenfigur zu einer Lara Croft der Langeweile. Der schaut man zu. Aber man leidet weder mit noch an ihr.

6., 7.5., Tel. 02361/ 92 180, www.ruhrfestspiele.de,

ab 15.5. Deutsches Theater Berlin, Tel. 030/284 41 221, www.deutschestheater.de

Quelle: wa.de

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