Stefan Otteni inszeniert „Antigone“ in Münster

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In Gewissensnöten: Szene aus „Antigone“ in Münster mit Johanna Marx (vorn) und Lilly Gropper.

Von Edda Breski Münster - Wie ein Ei schließt sich die Spielfläche um die Zuschauer. Im umgebauten, weiß verhängten Kleinen Haus in Münster soll es ans Ursprüngliche gehen: „Antigone“ nach Sophokles ist in der Regie von Stefan Otteni eine gekürzte, stark überarbeitete und christlich eingefärbte Untersuchung menschlicher Regungen und Bedürfnisse.

Die Schauspieler agieren aus dem Publikum heraus, es geht also, heißt das, um Fragen, die uns alle betreffen. Eteokles und Polyneikes sind die Söhne des Ödipus und als solche Opfer des Labdakidenfluchs, der alle Familienmitglieder dem Untergang weiht. Die Brüder kämpfen um die Stadt Theben. In Münster fließt Kunstblut, Maximilian Scheidt und Florian Steffens, beide später als Wächter und Haimon zu sehen, beharken sich in einem minutenlangen Ringkampf.

Kreon, Herr von Theben, verbietet die Bestattung des Polyneikes, der als Feind seiner Vaterstadt an offener Luft liegen bleiben soll. Marc Oliver Bögel spielt einen Technokraten, der auf Vorwürfe mit Staunen und Selbstgerechtigkeit reagiert. Ihm gegenüber steht Antigone, die Johanna Marx als junge Heroin gibt. Sie bestattet ihren Bruder und geht dafür in den Tod. Ganz entschlossen wirkt sie aber nicht, sie tauscht leidenschaftliche Küsse mit Haimon. Otteni vermischt Spielebenen und Zuschauerrollen. Der Chor (Ismene, Teiresias und Kreon wechseln die Spielrollen) erhebt sich aus den Reihen des Publikums, das auf Schaumstoffkissen um die Spielfläche herum sitzt (Bühne und Kostüme: Peter Scior).

Affekte und Gedanken werden hin- und hergewendet, Haltungen wechseln, auch weil die Textbearbeiter ganze Parts extrem gerafft oder gestrichen haben. Die Figuren dürfen sich flapsig gegen ihre Rollen auflehnen. Die Sprache wird aufgebrochen. Ismene weint um ihre Schwester und Kreon ärgert sich: „Ach nöö“. Der „tote“ Polyneikes kommentiert das Spiel. Es geht nicht um Sophokles’ 442 vor Christus uraufgeführten Text und nicht um Antigones Überzeugung von Gesetz und Pflicht, hier geht es um Glauben. Hier ist nicht von den Göttern die Rede, sondern von Gott. Es gibt Anspielungen auf christliche Liturgie, auf die Bibel. Der Gesang zum Schluss, als Kreon sich aufmacht, um seinen Sohn tot in Antigones Grab zu finden, ist dem Lukasevangelium entnommen. Otteni wirft 80 Minuten lang einen ambivalenten Blick auf Religion und ihre Vertreter und äußert Selbstkritik am Menschen, der zwar mit Raketen ins All fliegen, aber die Sache mit den ewigen Gesetzen nicht klären kann.

Eigentlicher Höhepunkt ist eine Konfrontation zwischen Kreon und Teiresias (Hubertus Hartmann). Der Priester ist mit Binde und salbungsvollem Ton ausgestattet, er mahnt Kreon: „Denk nach, dein Glück kann jeden Augenblick zu Ende sein“, und wendet sich danach an die Technik: „Licht bitte.“ Damit ist das Stück eigentlich vorbei. Es folgt aber noch eine sehr lange Viertelstunde, in der sich Kreon in Mea-culpa-Gesten übt und die Toten aufgefunden werden.

5.,8.,16.5., 5.,6.,7.,8.,16.,21.6., 2.,10.7.

Tel. 0251/59 09 100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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