Startenor Jonas Kaufmann mit Puccini-Programm in Essen

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Kosten das Puccini-Gefühl aus: Tenor Jonas Kaufmann und Dirigent Jochen Rieder in der Philharmonie Essen.

ESSEN - Puccinis „Le villi“ teilt das Schicksal der meisten Opern-Erstlinge: Ein Repertoireschlager ist sie nicht geworden. Erfreulicherweise serviert Jonas Kaufmann in seinem Puccini-Programm Appetithäppchen aus den frühen Opern. Natürlich war das Gastspiel des Startenors in der Philharmonie Essen ausverkauft. Begleitet wurde er von der Staatskapelle Weimar unter Jochen Rieder.

Aus „Le villi“ stammte der Opener, mit dem Kaufmann sein Publikum anwärmte. Die erste Programmhälfte war im Grunde interessanter als die Hits aus „Tosca“ und das unverwüstliche „Nessun dorma“ nach der Pause. Die Szene und Arie des Roberto aus „Le villi“ orientieren sich im Ton noch an der deutschen Geisterromantik, in der Nachfolge von Weber und den früheren Wagner-Opern. Der Stoff wurde von Heine in die Literatur eingeführt und inspirierte Adolphe Adam zu einem der berühmtesten weißen Ballette, „Giselle“. Es geht um Liebesverrat, die Rache vollziehen Gespenster. Kaufmann malt die Schauerstimmung der Szene geschmackvoll aus mit seinem baritonalen Tenor, der in Essen etwas indisponiert war, die Kopfstimme war nicht immer verlässlich. Dennoch zeigte Kaufmann die Klasse, in der er spielt. Die Arie „Torna ai felici dì“ ist eine Art gesungener Trauermarsch, in dem der Held den Verlust seines Glücks annehmen muss. Kaufmann entwickelt Wehmut und Schmerz aus einem seidigen Piano heraus.

Auch die Arie des Edgar aus der gleichnamigen Oper, Puccinis zweiter, vereint Horror mit Sehnsucht nach etwas unwiderbringlich Verlorenem. Kaufmann lässt seine Stimme im Piano funkeln und in den Kantilenen behutsam aufblühen. Sein Edgar beklagt seine eigene Feigheit, wie Pinkerton in „Madama Butterfly“. Die Klage singt Kaufmann wie etwas, das selbst immateriell geworden ist. Die verlorene Liebe gehört ins Reich der Chimären, so wie der Horror, der Edgar peinigt.

Die obligatorischen Orchesterstücke zwischen den Arien sind hier mehr als Atempausen für den Star. Jochen Rieder und die Staatskapelle Weimar schwelgen in dem Puccini-Gefühl, den ausgreifenden lyrischen Melodien und den dramatischen Höhepunkten. Lustvoll bearbeiten sie die Farbgebungen der Partitur: überirdisch licht für die Liebe und das Gute, dramatische, gelegentlich allzu scharfer Attacke für die Anderwelt. Das Vorspiel aus „Le villi“ und der Hexentanz werden mit vibrierender Energie ausgeführt.

Im „Tosca“-Vorspiel spielt Rieder die Zaubermaschine des großen Puccini-Orchesters aus: mit vier Glocken-Sets, einer dramatischen Zuspitzung, die den vier glutvollen Celli mit dem Liebes-Thema Platz macht. In den Arien-Höhepunkten muss Rieder aber aufpassen, dass er Kaufmann nicht zudeckt.

Es folgen zwei Ausschnitte aus „Manon Lescaut“. Kaufmann weiß natürlich, dass die Konkurrenz der berühmten Tenöre in den großen Puccini-Rollen erdrückend ist. Seine Durchschlagskraft, auch das „italienische“ Strahlen in der Stimme ist ihm nicht von Natur gegeben. Die Arie aus dem ersten Akt, „Donna non vidi mai“, singt er wie ein ungläubiges Staunen über das, was Des Grieux soeben passiert ist: Er hat zum ersten Mal die Frau gesehen, für die er bis ins Exil gehen wird. Kaufmann bietet ein leuchtendes Piano auf, während die Violinen ihn verwundert umflimmern.

Die Szene „Ah, guai a chi la tocca“ springt in den dritten Akt. Kaufmann verzichtet weitgehend auf stimmliche Wucht, bleibt gestalterisch dicht am Parlando. Er zeichnet das Porträt eines, der tief verliebt ist, den das Staunen darüber langsam verlässt und der akzeptiert, was ihn diese Liebe kosten wird. Schmelz und seidige Töne, dabei kluge Rollengestaltung zeigen, wieso Des Grieux derzeit die Paradepartie Kaufmanns ist.

Die großen Puccini-Hits packen den Zuhörer in den Eingeweiden: Pinkerton kleidet seine Feigheit noch in Lyrik. Cavaradossi stirbt in Schönheit. Kaufmann ist auch hier der kluge Gestalter, der seine Reserven bis zum strahlenden Finale einteilt, der einen Ton wie polierte Bronze aufbietet, der, Opernprofi, der er ist, das Schlüsselwort „silenzio“ in „Nessun dorma“ leicht erstickt, wie überwältigt vom nahen Sieg. Mit den Zugaben versetzt er das Publikum komplett in italienische Melodienseligkeit. Auf „Recondita armonia“ (aus „Tosca“) folgen zwei Lieder: „Ombra di nube“, sanft wie ein Gute-Nacht-Lied, und De Curtis‘ „Non ti scordar di me“.

Quelle: wa.de

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