Startenor Jonas Kaufmann mit Operettenhits im Konzerthaus Dortmund

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Im Retrolook der Goldenen Zwanziger: Tenor Jonas Kaufmann.

Von Edda Breski DORTMUND - Ich habe, verspricht er ihr, ein blaues Himmelbett. „Darin träumt es sich so nett/ aber nicht allein“, lautet der Text weiter. Das Lied „Schatz, ich bitt“ stammt aus der Operette „Frasquita“ von Franz Lehár. 1922 hatte das Stück Premiere, das war gerade vier Jahre nach dem Großen Krieg, mitten in der Inflation, mitten in die Demütigung hineingeschrieben, die die Auflösung des k.-u.-k-Reichs und des deutschen Kaiserreichs für viele bedeutete.

Da schmachtet der Mann die Frau um ein Liebesstündchen an, dem das Ende schon eingeschrieben ist: „Niemand sieht dich beim Kommen und beim Gehen“. Der deutsche Startenor Jonas Kaufmann singt das so verhalten, mit liebevollen Pianospitzen, die aus der Melodie ausbrechen und das Ohr sanft locken, und klingt doch wie ein Schelm, einer, der in der gesellschaftlichen Moderne der 20er Jahre angekommen ist, einer, der kriegen wird, was er will.

Kaufmann stellte mit dem Münchner Rundfunkorchester seine CD „Du bist die Welt für mich“ im Konzerthaus Dortmund vor. Mit dem Album hat er eine konventionelle Wahl getroffen: Der Tenorliebling fesselt ein breites Publikum mit nostalgischen Operetten und Filmliedern aus den 20ern und 30ern. Allerdings ist das in diesem Fall ein Glücksgriff. Er lässt das Repertoire mit seinem immer noch jungenhaften Bühnencharme und klug eingesetzter Technik lebendig werden, als gebe es eine Möglichkeit, aus frühen Tonaufnahmen Rauschen und spitze Klänge zu entfernen und nur Wärme übrig zu lassen. Das rührt an, weil die Lieder einen hohen Wiedererkennungswert haben, aber noch mehr, weil Kaufmann eine im Grunde perfekte Art gefunden hat, wie ein Opernsänger die 80, 90 Jahre alten Publikumshits heute vortragen kann, ohne wie der x-te Epigone von Tauber oder Wunderlich zu klingen.

Das würde Kaufmann mit seiner männlich-baritonalen Stimme auch nicht stehen, dafür singt er zu viril und auch nicht so geschmeidig. Aber er ist ein begnadeter Darsteller und setzt seine Fähigkeiten klug ein: Nicht einmal drückt er auf die Stimme oder überlädt die Melodie mit Puccini-geschulter Kraftmeierei. Nichts davon. Das Timing stimmt, die Komik, ebenso wie der Überschwang, das Von-sich-selbst-Beschwipstsein, das in vielen der Stücke mitkomponiert ist. Er singt Richard Tauber, „Du bist die Welt für mich“, und kann seine Stimme intim und zugleich so verlockend leuchtend klingen lassen, als komme sie frisch von dem faszinierend neuen Medium namens Schallplatte. Viele Lieder singt er mit Mikrophonbegleitung, der leichte Hall überzieht seine Stimme zusätzlich mit Patina.

Von Mischa Spoliansky stammt das Filmlied „Heute Nacht oder nie“ (1932). Max Raabe, selbst gelernter Opernsänger, hat ein Livealbum danach benannt und bringt es melancholisch zum Schwingen. Kaufmann singt es cremig, verführerisch, begleitet von einem zart rauschenden Orchester. Seine Lieder und Arien sind Grüße aus einer Haltung heraus, die die Bühnenpose ernst nimmt und das Bühnengefühl genießt. „Grüß mir mein Wien“ aus Kalmans „Gräfin Mariza“ singt er mit dem Kummer dessen, der etwas Liebes unwiederbringlich verloren hat, aber zugleich mit dem Wissen, der Weltläufigkeit eines Habitué, der eben weiß, dass sich die Welt weiterdreht.

„Gern hab ich die Fraun geküsst“ aus Lehárs „Paganini“ trägt er im Parlando-Ton vor, aber hinter der Nonchalance blickt ein Draufgänger hervor. Der Opernprofi Kaufmann strafft angriffslustig die Schultern, als er singt „dachte mir/ nimm sie dir“. Als die Zeile wiederholt wird, liegt ein Knurren, ein Habenwollen in der Stimme. Die Figur des Latin Lover legitimiert männlichen Besitzanspruch – damals wie heute.

Das Leichte ist, so lautet der Gemeinplatz, das Schwerste. Bei Kaufmann klingt es unbeschwert. Auch wenn er stimmlich Tribut zollen muss und gelegentlich in seinen gaumigen Ton verfällt. Das Münchner Rundfunkorchester unter Jochen Rieder muss sich zurücknehmen, weil Kaufmann im Piano Nuancen sucht und findet. In den Instrumentalstücken – gelegentlich langen Sequenzen von Lehár, Kalman und anderen – strebt das Orchester nach einem voluminös schillernden Klang, durchaus auf Kosten der Transparenz.

Quelle: wa.de

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