Stark: Ligetis „Le Grand Macabre" in Essen

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Nekrotzar, der „Große Makabre“ (Heiko Trinsinger, hinten), sucht Piet vom Fass (Rainer Maria Röhr) heim. Szene aus der Essener Ligeti-Inszenierung.

Von Elisabeth EllingEssen - Bloß ein Nerd mit einer Vorliebe für bizarre Apokalypse-Computerspiele? Oder tatsächlich der Tod? Wer „Le Grand Macabre“ in György Ligetis schriller Oper wirklich ist, lässt Regisseurin Mariame Clément offen. Ihr gelingt am Essener Aalto-Theater eine denkwürdige Inszenierung der Posse, die auch musikalisch auftrumpft.

Clément lässt den „großen Makabren“ (Heiko Trinsinger als Nekrotzar mit beweglichem und weiten Bariton) vorführen, wie ein Untergangsprophet sich Gehör und Unterwerfung anmaßt: Ein Komet werde einschlagen, die Erde verglühen. Lukrative Synergieeffekte ergeben sich aus seiner Verbindung mit einem Despoten wie dem plärrenden Fürsten Gogo (Jake Arditti als gestaltungsstarker Countertenor): Dessen Volk – der im gesamten Zuschauerraum verteilte Chor – war seinem Herrscher noch nie so ergeben wie im Angesicht des Todes und stopft dem Klerus panisch die Klingelbeutel mit Geldscheinen voll. Ablasshandel lohnt sich wieder.

Julia Hansen (Bühne und Kostüme) stattet die vier Bilder der Oper wie Computerszenerien aus. An seinem vermüllten Schreibtisch (Chipstüten, Pizzaschachteln, Limoflaschen) hockt Piet vom Fass (Rainer Maria Röhr) und daddelt. Aus seiner Perspektive läuft die Oper ab, es könnten also alles bloß Phantasien aus kruden Computerspielen sein oder im Internet wuchernde Verschwörungstheorien.

Clément und Hansen machen mit diesem Kniff manche Absurdität der Handlung plausibel, ohne jedoch ihre derbe, anarchische Ironie zu zähmen. Kaum eine Szene kommt ohne Phallus aus.

Über einen großen Bildschirm am oberen Bühnenrand läuft grün auf schwarz ein Programmtext, nachdem Piet sich einen Porno konfiguriert hat, mit XXXL-Kunstbusen, Riesen-Penis und Brusthaar-Toupet für die nörgelnde Mescalina (mit mühelos dominantem Sopran: Ursula Hesse von den Steinen) und ihren masochistischen Gatten Astradamors (Tijl Faveyts). Nekrotzar taucht auf, tötet Mescalina und nimmt den erleichterten Witwer mit zu Gogo. Der residiert im Oval Office und posiert gern als Freiheitsstatue, sein Minister (Karel Ludvik) trägt Merkel-Frisur und -Raute. Nekrotzar allerdings verpasst die große Stunde Null, er hat sich vorher ins Koma gesoffen. Aber es passiert: Nichts.

Ligetis Musik (1976/1997) spielt mit Autohupen und Alarmsirenen, lässt das Schlagwerk apokalyptisch knallen und Streicherklänge pastoral wabern. Außerdem bedient sie sich mit tiefen Griffen in der Musikgeschichte: Ein Choral flackert auf, Jacques Offenbachs „Cancan“, Scott Joplins „Entertainer“ und Strauss’ „Rosenkavalier“. Diesen Verweis greifen Clément und Hansen auf; ihrem Rokoko-Pärchen Amanda und Amando (Elizabeth Cragg, Karin Strobos) hängen sie dazu noch eine Penis-Attrappe an. Nach der Pause gibt es unübersehbare Lücken im Parkett.

All die Zitate macht Dima Slobodeniouk am Pult der Essener Philharmoniker hörbar und poliert in seinem famosen Dirigat außerdem Ligetis Spaß am Theatereffekt heraus: Hier lässt der Komponist nach einem Paukenwirbel im tiefsten Bass vom „Sterben“ dröhnen, an anderer Stelle werden hysterische Koloraturen gehechelt. Susanne Elmark gackert und gurrt hier mit überwältigender Virtuosität (als Geheimpolizist); sie ragt aus dem durchweg überzeugenden Ensemble ebenso heraus wie Ursula Hesse von den Steinen als Mescalina.

17., 19., 22., 28. Februar; 4., 6., 18., 20. März. Tel. 0201/8122 200; www.aalto-theater.de

Quelle: wa.de

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