Städtische Galerie Paderborn stellt Kupferstecher Hendrick Goltzius vor

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Das Zusammenspiel von Arbeit und Fleiß verspricht Glück, so wie Hendrick Goltzius den Betrachter mit seinem Kupferstich aus dem Jahr 1582 beglückt.

PADERBORN - Diese Szene sprüht vor Erotik. Da küsst sich ein nacktes Paar innig. Sie sitzt auf seinem Schoß – oder besser: scheint dort zu schweben. Er stützt sie mit seinem muskelschweren Arm. Es braucht einige Phantasie, um sich vorzustellen, dass der Kupferstecher Hendrick Goltzius hier das fruchtbare Zusammenspiel von Arbeit und Fleiß dargestellt hat. Aber daran lassen die Wörter „labor“ über seinem und „diligentia“ über ihrem Kopf keinen Zweifel. Und Spaten, Hammer, Amboss und Dreschflegel sind ja auch kein Sexspielzeug.

Es sind solche Bildfindungen, die Hendrick Goltzius (1558–1617) zu einem der berühmtesten niederländischen Künstler an der Schwelle zum Barock machten. Er setzt spröde moralische Kalendersprüche in sinnenfrohe Bilder um, die man immer wieder gern anschaute. Goltzius malte auch, gewiss, aber seine größte Nachwirkung hatte er als Virtuose des Kupferstichs und des Holzschnitts. Seine Bilder waren weit verbreitet. Die Städtische Galerie Schloss Neuhaus in Paderborn zeigt einen prachtvollen Querschnitt durch Goltzius‘ Werk, 140 Blätter aus der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, die mit rund 400 Arbeiten eine umfassende Sammlung an Druckgrafik besitzt von Goltzius und den Mitarbeitern seiner Werkstatt wie Jakob Matham, Jakob de Gheyn II., Jan Saenredam.

Goltzius wurde in Bracht (heute im Kreis Viersen) geboren. Als Kind verbrannte er sich die rechte Hand, was ihn nicht hinderte, zu einem Virtuosen des Kupferstichs zu werden. Er wuchs in Duisburg auf, ging in Xanten bei Dirck Volkertsz. Coornhert in die Lehre. Später zog er nach Haarlem, wo er 1582 einen eigenen Verlag gründet, um seine Grafikblätter zu vertreiben. Er bekam immer wieder prestigeträchtige Aufträge zum Beispiel vom Haarlemer Bürgermeister. Kaiser Rudolf II. verlieh ihm 1595 ein Privileg, das seine Kupferstiche vor unerlaubtem Nachdruck schützte. Und 1612 besuchte ihn Rubens.

Goltzius beherrschte den Kupferstich wie wenige. Lange galt er als unorigineller Imitator, der einfach nur Erfindungen älterer Meister wie Dürer kopierte. Aber die Paderborner Ausstellung lässt ihm auch als originellen Bilderfinder Gerechtigkeit widerfahren. Dazu gehört die außerordentliche Sinnlichkeit besonders bei Themen der griechischen Mythologie. Mit der Serie „Fortuna“, aus der auch das eingangs erwähnte Blatt „Labor et diligentia“ stammt, führte sich der Verlagsgründer 1582 ein als kreativer Künstler. Und das war ja auch überraschend: diese Kombination von humanistischer Lebensweisheit und unverhohlener Körperlichkeit.

Manchmal übertrieb er. Bei seinem „Großen Herkules“ (1589) knubbeln sich die Muskelpakete, so dass man Goltzius‘ Kreation als „Knollenmann“ verspottete. Aber wie er in der Serie der „Himmelsstürmer“ die nackten männlichen Körper im freien Fall darstellte, das ist auch heute noch ein Wunderstück.

Goltzius mochte besonders die dramatischen Szenen, wie man in der Ausstellung bestaunen kann. Mit welch sadistischer Dramatik zeigt er den Drachen, der die Gefährten des Kadmus verschlingt (1588): Da verschwindet der Kopf des Mannes im zahnstarrenden Rachen, der Geifer läuft herab, und die Tatzen hat das Ungeheuer in einen weiteren Leib gekrallt, dass das Blut strömt.

Aber er konnte auch anders, wie seine biblischen Szenen zeigen, zum Beispiel seine sechsteilige Serie der „Meisterstiche“, in der er Geburt und Kindheit Christi darstellt. Auf dem Blatt mit der „Beschneidung“ geht er bis ins anatomische Detail. Zugleich inszeniert er eine dicht gedrängte Menschenmenge – und sich selbst mittendrin, mit einem Bart nach der Mode des 16. Jahrhunderts als Fremdling zu erkennen. Ein Virtuosenstück ist auch seine unvollendete „Anbetung der Hirten“, in der er grandios mit dem Lichteinfall der Kerze in Josefs Hand spielt.

Seine Landschaften haben Tiefe. Mythische Szenen wie die „Zeitalter“-Blätter teilt er wie ein Maler auf in Vorder- und Hintergrundbühnen, auf den sich verschiedene Szenen abspielen. Man kann nur die Grauschattierungen bewundern, die er durch feinste Schraffuren erzielt, die Sicherheit der Linien. Atemberaubend realistisch ist sein Porträt seines Lehrers Dirck Volkertsz. Coornhert (1591), nicht nur, weil Goltzius so wunderbar illusionistisch den Rahmen hinter die Schultern setzt, sondern auch weil er feinste Runzeln um die Augen, einzelne Haare, Adern und die Warze an der Stirn präzise notiert, weil er Licht und Schatten einfängt.

Und er beherrschte neben dem Kupferstich auch noch die Technik des Chiaroscuro-Holzschnitts, bei dem von mehreren Platten gedruckt wurde. Damit erzielte er wunderbare Farbeffekte. Man bestaune nur seine mythologische Darstellung der Nacht (Nox, um 1588–90), die in einer Kutsche über Wolken rollt, vor die Fledermäuse gespannt sind.

Bis 13.1.2019, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05251/ 88 10 76, www. paderborn.de/galeriereithalle,

Katalog, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 32 Euro

Quelle: wa.de

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