Die Städtische Galerie Lüdenscheid zeigt Ida Gerhardi

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Grandiose Porträtkunst: Ida Gerhardis Bildnis von Elli Bößneck (1911) ▪

Von Ralf Stiftel ▪ LÜDENSCHEID–Unglaublich frisch und modern wirkt das Porträt, das Ida Gerhardi 1911 von Elli Bößneck malte. Die Geigerin hat ihr Instrument abgesetzt, den Blick gesenkt in einem Moment der Gedankenverlorenheit. Fast schon expressionistisch setzt die Malerin die Farben ein, spielt mit dem kühlen Kontrast zwischen Gelb- und Blautönen. Nach hinten öffnet sie den Blick in den Nebenraum, wo ein Dienstmädchen einer Dame beim Ankleiden hilft. So zu malen, das hat sie in Paris gelernt, bei den „Fauves“.

Das Bild aus dem Essener Folkwang-Museum hängt in der Städtischen Galerie Lüdenscheid, in der Ausstellung „Ida Gerhardi – Deutsche Künstlerinnen in Paris um 1900“. Das Museum würdigt zum 150. Geburtstag die gebürtige Hagenerin, die bis zu ihrem Tod 1927 im Haus ihres Bruders in Lüdenscheid lebte. Es ist die erste Retrospektive seit mehr als 20 Jahren mit rund 80 Werken. Dabei konzentriert sich Kuratorin Susanne Conzen auf die Pariser Zeit der Künstlerin – und zeigt Bilder weiterer Malerinnen, die in der französischen Hauptstadt arbeiteten, darunter Werke von Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz.

Ida Gerhardi verkörpert eine staunenswerte Emanzipationsgeschichte. Gerhardis Vater, ein Arzt, starb, als sie sieben Jahre alt war. Die Familie zog nach Detmold. Schon früh strebte Ida Gerhardi eine Karriere als Künstlerin an, besuchte 1890 in München eine „Damenakademie“. Dass sie ein Jahr später nach Paris zog, noch dazu ohne Begleitung einer älteren Frau oder eines Mannes, war schon außergewöhnlich genug. Nur in Frankreich konnten Frauen an Privatakademien eine profunde Ausbildung absolvieren, die das Aktzeichnen nach dem lebenden Modell einschloss. Auch sonst war frau freier in Paris: Hier durften sie sogar Radfahren.

Gerhardi tat nicht nur das, sie machte sogar die Kunst zum Beruf und versuchte, vom Verkauf ihrer Bilder zu leben. Sie stellte in Salons aus. Eine Kollegin trickste dabei, nannte sich Carl Maria Lavona, um Anerkennung zu finden. Gerhardi erarbeitete sich eine gute Reputation ohne solche Mogeleien. Trotzdem blieb sie benachteiligt: Ein Berliner Galerist drückte den Preis ihrer Bilder auf 800 bis 1000 Mark, verkaufte ein kleines Bild Max Liebermanns für 20 000 Mark. Gleichwohl war sie findig. So vermittelte sie Kontakte zwischen Sammlern, zum Beispiel dem Hagener Karl Ernst Osthaus, und französischen Künstlern wie Rodin. Sie hielt den Kontakt nach Paris mit Unterbrechungen bis 1912, als sie an einer Lungenentzündung erkrankte. Die Familie half ihr, Ida zog ins Sauerland.

Man begegnet in der Schau einer großartigen Malerin. Ihre besten Porträts sind Liebermann ebenbürtig: Wie sie 1906 den Kollegen Christian Rohlfs zeigt, der den Blick auf die Palette senkt, in tiefer Konzentration. Den Geiger und Dirigenten Arthur Nikisch zeigt sie 1900 bei der Lektüre am Caféhaustisch, und ihr lockerer Strich passt kongenial zur verrauchten Kneipenatmosphäre. Witz hatte sie auch: Die Rauchkringel von Nikischs Zigarre deuten links oben einen Notenschlüssel an. Souverän spielt sie 1912 im Bildnis des englischen Komponisten Frederick Delius, dem Mann ihrer Freundin und Malerkollegin Jelka Rosen, mit den Lokalfarben (die pastelligen Töne erinnern an Maurice Denis) und der Perspektive. Mit Jelka Rosen lebte und malte sie in Grez sur Loing, 40 Kilometer außerhalb von Paris. Von Rosens neoimpressionistischen Bildern sind eindrucksvolle Beispiele ausgestellt, darunter ein Frauenakt vor Gartenblumen.

Von 1903 bis 1906 hatte sie eine Bohème-Phase in Paris, trieb sich mit Käthe Kollwitz in Apachenkneipen und Kellerkaschemmen herum. Es entstanden kleine Bilder, die in kräftigen Tönen wunderbar intensiv das flüchtige Nachtleben festhielten. Cancan-Tänzerinnen mit fliegenden Röcken. Paare auf der Tanzfläche. Ein Lebemann mit zwei Damen im Separée, auf dem Tisch eine Flasche Champagner. Kartenspieler. 1904 sollten diese Arbeiten, die an Toulouse-Lautrec und die Impressionisten erinnern, in Elberfeld ausgestellt werden. Aber die Stadtväter hatten moralische Bedenken, die Schau wurde abgesagt.

Wie sehr ihre Malerei geschätzt wurde, zeigt ein Auftrag: Für einen Berliner Sammler kopierte sie 1908 Manets „Olympia“. Eduard Arnhold hatte mehrere Originale des Impressionisten, von diesem Hauptwerk wollte er wenigstens eine Kopie, natürlich eine möglichst gute. Auch das ist in Lüdenscheid zu sehen.

Dazu ungewöhnliche Werke ihrer Kolleginnen, darunter Kneipenbilder von Käthe Kollwitz. Es gab viele gute Malerinnen im Paris der Jahrhundertwende, Maria Slavona zum Beispiel und Julie Wolfthorn. So schließt die Ausstellung ein wenig eine Wahrnehmungslücke in einer männlich dominierten Kunstgeschichte. Und sie stellt eine Malerin heraus, die mehr war als eine lokale Größe. Die Gerhardi-Schau setzt Lüdenscheid auf die Landkarte der Kunstfreunde.

Ida Gerhardi. Deutsche  Malerinnen in Paris  um 1900

in der Städtischen Galerie Lüdenscheid . 24.3. – 15.7.,

di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02351/ 17 14 96,

http://www.ida-gerhardi.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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