Städel Museum Frankfurt: „Claude Monet“ und der Impressionismus

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Momente und Eindrücke: Claude Monet malte das Bild „Das Frühstück (Le Déjeuner)“ 1868, zu sehen im Frankfurter Städel Museum.

Von Matthias Kampmann -  FRANKFURT „Der Impressionismus beginnt meiner Meinung nach zwischen unserem ,Mittagessen’ von 1868/69 und den Bildern aus dem Naherholungsgebiet ,La Grenouillère’ von 1869“, bestimmt Felix Krämer. Er ist der Kurator der Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“: eines der großen Kunstereignisse in diesem Jahr. Versammelt sind im Frankfurter Städel Museum rund 100 Gemälde aus der ganzen Welt und 40 Arbeiten auf Papier, Karikaturen und frühe Fotografien.

Monet ist der Inbegriff eines impressionistischen Künstlers. Doch der fiel nicht vom Himmel. Krämer spricht die Wende im Werk des 1840 in Paris Geborenen an. Nach 1869 wird er Motive der Außenwelt malen, dynamisiert die Malweise, richtet sich auf das, was den Impressionismus auszeichnet: Eindrücke.

Eine große These wie die Kollegen in Karlsruhe, die jüngst Edgar Degas aus dem Feld impressionistischer Maler verbannten, weil er seine Gemälde so präzise plante und nichts dem Zufall überließ, stellt Krämer nicht auf. Aber er stützt diese Meinung zurecht. Zur Überprüfung sind zwei Werke von Degas zu sehen. Die Frankfurter Schau lädt zum differenzierten Sehen anhand wunderbarer Leihgaben ein. In chronologischer Abfolge erfolgt die Reise durchs künstlerische Leben der 1926 gestorbenen Zentralfigur.

Der Auftaktraum widmet sich der Schule von Barbizon und präsentiert zwei Werke von Gustave Courbet. Ganz radikal ein „Gebirgspass“ von Théodore Rousseau (1834/35). Ein bisschen Himmel oben links zeigt die deutlich sichtbaren Pinselwege. Ansonsten dominiert ein Wechselspiel unterschiedlicher Braun- und Grüntöne, die das Gebirge schildern. Einige Maler aus Barbizon versuchten, die Natur zu malen, wie sie ihnen erschien. Bilder entstanden unter freiem Himmel, was nicht nur Monet übernahm. Das war ein Angriff gegen die akademische Malerei, die im Salon ausgestellt wurde.

Motivisch sind sie anders: Monet, Pissarro, Sisley geht es um die vom Menschen veränderte Landschaft. Selbst „Die Straße von Chailly durch den Wald von Fontainebleau“ (1865) sieht mit der silbrig glänzenden Rinde des Baums im Vordergrund und der großen Wiese eher aus wie ein Park. Oder ein intimes Querformat von Berthe Morisot, in dem prä-feministischer Sprengstoff liegt. Eugène Manet, Bruder des Édouard, sitzt im Haus an der Fensterbank und schaut nach draußen auf Frau und Tochter. Ein Affront, gehörte doch Frau zwischen die vier Wände und der Herr an die frische Luft. Und später? Zivilisatorische Zeichen verschwinden, je älter Monet wird. Als Reprise bietet die Schau als Top-Act vier Varianten der Kathedrale von Rouen. Die Impression hat nun nichts mehr mit einem Moment zu tun. Man weiß, dass er die Gemälde im Atelier überarbeitete, um ihre Farbigkeit aneinander anzupassen.

Es gibt im Städel Museum eine Reihe wunderbarer Blickachsen. Etwa im letzten Raum: Links und rechts die Kathedralen im Blick, schaut man auf ein Schlüsselbild des eigentlichen Impressionismus: den „Boulevard des Capucines“ (1873/73, Kansas City, The Nelson-Atkins Museum). Das lässt Gegenstände nur aus der Entfernung scharf erscheinen.

Der Impressionismus, so will’s das Klischee, sei die Erfindung des Kritikers Louis Leroy gewesen. Er habe die selbst organisierte Ausstellung mit 30 Künstlern am 15. April 1874 niedergeschrieben und die aufmüpfige Gruppe mit dieser Vokabel beschimpft. Daran stimmt zweierlei nicht: Zum Einen verwendeten die meist wohlwollenden Rezensionen den Begriff damals schon wertfrei beschreibend. Die Maler übrigens auch. Und andererseits zeigen etwa Gemälde wie das „Mittagessen: dekorative Tafel“ (1873, Musée d’Orsay), dass schon vor jener Ausstellung der Stil bereitet war.

Diese Ausstellung lohnt unbedingt, denn hier erlebt man, wie radikal Monet im Vergleich zu Sisley oder Pissarro war, und man bekommt Bilder zu sehen, für die man sonst um den ganzen Globus reisen müsste. Allein neun Spitzenwerke schickte das Pariser Musée d’Orsay, von anderen nationalen wie internationalen Sammlungen ganz zu schweigen. Und dann kommt eine offenherzige Großzügigkeit von Privatsammlern hinzu. Damit macht sich das Städel selbst und uns ein großartiges Geschenk zum 200. Geburtstag.

Die Schau

Den Impressionisten erlebt man als regelrechten Radikalen:

Claude Monet

im Städel Museum Frankfurt.

bis 21. 6., di – so 10 – 19 , do, fr 10 – 21 Uhr,

Tel. 069/ 60 50 98 232,

www.staedelmuseum.de

Katalog, Prestel Verlag, München, 39,90 Euro

Das Städel

Mit der Monet-Ausstellung feiert das Städel-Museum seinen 200. Geburtstag. Es ist die bürgerliche Stiftung eines Frankfurter Gewürzhändlers und Bankiers, der neben seiner Kunstsammlung auch fast sein ganzes Vermögen in Höhe von 1,3 Millionen Gulden gegen den erbitterten Widerstand seiner Verwandten für das Museum gab. Es solle „der hiesigen Stadt zu einer wahren Zierde gereichen und zugleich deren Bürgerschaft nützlich werden“, verfügte er in seinem Letzten Willen.

Es trägt den Namen von Johann Friedrich Städel. Viele andere Bürger folgten seinem Beispiel.

Heute umfasst die Städel-Sammlung rund 3000 Gemälde, 600 Skulpturen, 4000 Fotografien und 100 000 Zeichnungen und Grafiken. Die drei Bereiche Alte Meister, Kunst der Moderne und Gegenwartskunst bieten einen Überblick über 700 Jahre europäische Kunstgeschichte. Höhepunkte sind Werke von Künstlern wie Albrecht Dürer, Jan Vermeer, Rembrandt van Rijn, Pablo Picasso, Max Beckmann, Gerhard Richter und Corinne Wasmuht.

Um die Sammlung zeitgenössischer Kunst präsentieren zu können, wurde das Museum 2012 um einen unterirdischen Ausstellungsbereich ergänzt, der von außen als wogendes Bullaugen-Rasenstück identifizierbar ist. Die mehr als 52 Millionen Euro für dieses Mammutprojekt kamen von der öffentlichen Hand, von Stiftungen, Unternehmen und mehr als 31 000 Bürgern aus der Region. - epd

Quelle: wa.de

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