Spielzeitbeginn im Konzerthaus Dortmund mit Beethoven

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Christoph von Dohnányi dirigierte zur Saisoneröffnung im Konzerthaus Dortmund Beethovens 9. Sinfonie.

DORTMUND - Zur Saisoneröffnung hat man sich im Konzerthaus Dortmund in diesem Jahr für das Traditionelle entschieden: Eingeladen war Altmeister Christoph von Dohnányi mit dem Philharmonia Orchestra, auf dem Programm stand das Werk, mit dem 2002 die allererste Spielzeit im Haus eröffnet worden war, Beethovens Neunte.

Der Saal war voll. Das Konzerthaus kann sich nicht über mangelnde Beliebtheit beklagen. In der abgelaufenen Spielzeit hatte es eine Auslastung von bis zu 75 Prozent bei Eigenveranstaltungen. Es zieht mehr Menschen in die trubelige Brückstraße neben Glitzerklamottenläden und Dönerbuden.

Drinnen also titanische Pauke, breite, energische Striche: ein Beethoven, deutlich entfernt von historisch informierter Musizierpraxis. Dohnányi lehnt diese ab, besteht auf der Praxis, die sich in der ausgehenden Spätromantik geformt hat, und verbindet ein intensives, aber stark binnendifferenziertes Klangbild mit einem strukturalistischen Ansatz.

Die nervöse Energie der Neunten ist von den ersten Takten an streng gebündelt und zielgerichtet. Schockwirkung entwickelt er aus der Musik heraus, wenn bei der zweiten Wiederholung der Einleitung zum ersten Satz die Pauke wütend herausfährt, die Kontrabässe ein klaftertiefes Fundament legen und ein finsterer Aufruhr im Orchester losbricht. Wohlgemerkt aus dem Fortschritt der Musik heraus. Ein Augenblicksmusiker ist er nicht. Verlassen kann er sich auf sein Philharmonia Orchestra (dessen Ehrendirigent er seit 2008 ist), an diesem Abend besonders auf den wachen Paukenisten und die sensible Solofagottistin.

Dohnányi ist am Dienstag 86 Jahre alt geworden. Aufrecht geht er auf Podium, ein Kontrollmensch, der mit Blicken und Gesten noch die Schlussverbeugung lenkt. Als nach dem Kopfsatz einige im Saal klatschen wollen, hält er, ohne sich umzusehen, nur die linke Hand hoch. Während er dirigiert, laufen fast greifbare Linien von ihm ins Orchester, zu den Celli, die er gelegentlich zurückhalten muss, zu den Bläsern, denen er feinere dynamische Nuancen abverlangt. Zu den zweiten Violinen, denen er mehr Einsatz abfordert. Unablässig arbeitet er an Kontrolle und Balance der Stimmen. Zwischendurch lächelt er freundlich den ersten Geiger an. Es ist eine eigene Faszination, einen Mann von Dohnányis Erfahrung bei der Arbeit zu beobachten. Als die Sinfonie fortschreitet – im Adagio und später, als der Chor sein „Suche überm Sternenzelt“ singt, legt er bekräftigend die Hand aufs Herz, verlangt einen gefühlvolleren Ton. Dennoch artikuliert er jedes Wort mit, um den Philharmonischen Chor Bonn, der einen dichten, warmen Klang pflegt, zu mehr Deutlichkeit zu animieren.

Das Solistenquartett kann mit der Wucht, den der letzte Satz entwickelt, nicht ganz mithalten. James Rutherford singt mit viel Vibrato, der ebenfalls Bayreuth-erfahrene Stefan Vinke singt das Tenorsolo mit solidem Gleichmaß. Katrin Kapplusch, wie Vinke eine Einspringerin, wird mit ihrem kühlen, mächtigen Sopran schön ergänzt von Ruxandra Donoses warmem Mezzo.

Anlässlich der Saisoneröffnung hat das Konzerthaus Dortmund bekannt gegeben, dass es weiterhin von seinem Hauptsponsor RWE unterstützt wird. Der erneute Vertrag gilt bis einschließlich der Spielzeit 2017/18. RWE unterstützt den Exklusivkünstler am Haus (derzeit der Dirigent Yannick Nézet-Séguin) und die Reihe Junge Wilde.

Quelle: wa.de

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