Soester Comedian auf Tour

Der spezielle Humor des Johann König - ein Porträt

SOEST - Johann König hat den "Beruf, von dem er nie träumte" - denn der Comedy-Star aus Soest fand sich früher selbst gar nicht lustig. Wir erzählen die ungewöhnliche Geschichte eines ungewöhnlichen Künstlers, der nun wieder auf Tournee geht, unter anderem in Werl, Ahlen und Unna.

Von Klaus Bunte

Die Anekdote erzählt man sich noch heute. Es passierte in der fünften Klasse am Archigymnasium Soest. Da bekam der Junge, der sich Jahre später auf der Bühne Johann König nennen würde, einen Liebesbrief von einer Mitschülerin.

Normalerweise gibt es jetzt genau zwei Alternativen, darauf zu reagieren: den Brief erwidern, entweder bestätigend oder ablehnend. Johann fand eine weitere Möglichkeit: den Brief mit einem Rotstift durchkorrigieren und wieder zurückgeben. Setzen, sechs.

War die Episode ein frühes Zeichen dafür, dass da einer der derzeit erfolgreichsten Komiker Deutschlands heranreifte? Das weniger, glaubt er. Dass hier jedoch ein ganz spezieller Humor heranreift – das auf jeden Fall. Ein Humor, „für den man ganz speziell einen an der Waffel haben muss“, wie er es selber mal in einem älteren Bühnenprogramm ausdrückte.

Denn dass er heute auf den großen Bühnen der Nation steht, ist für ihn selber immer noch das größte Wunder, „denn ich war nie lustig. Ich habe vorher auch nie auf einer Bühne gestanden. Ich konnte nicht vor Leuten sprechen, habe mich vor Referaten immer gedrückt“.

Nach dem Abi machte er in Lippstadt eine dreijährige Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger, „denn zu studieren traute ich mir noch nicht zu.“ Damals schrieb er seine ersten Gedichte für die Examenszeitschrift, „aber ohne das aufzuführen – laut vorgelesen hätte ich das nie“.

Dann traute er sich aber doch, sich an der Uni Köln für ein Lehramtsstudium einzuschreiben: Sport, Bio und Sonderpädagogik. „Und als Lehrer muss man ja nun einmal zwangsläufig vor Menschen stehen und sprechen.“ Das nötige Geld verdiente er sich mit Nachtwachen in einem Krankenhaus, hundert Mark pro Nacht. König: „Diese Nächte waren so langweilig, dass ich immer ein Blatt Papier dabei hatte und die ganze Nacht herumreimte.“

1997, mit 26 Jahren, ging er zu einer offenen Bühne – weniger für Comedians und Poetry Slammer, denn die große Comedywelle kam erst noch. „Dort wurde eher Betroffenheitslyrik vorgetragen. Meine damalige Freundin meinte: Du hast doch nen Zettel mit Gedichten dabei, nun mach doch. Dann habe ich noch weitere fünf Kölsch getrunken, alles in allem waren's hinterher zehn, dann habe ich mich getraut. Die Leute haben so gelacht, das war für mich unglaublich. Ich hatte höchstens mit einem Schmunzeln gerechnet. Aber für die Leute war es wohl auch befreiend, dass da einer kam, der sich selber nicht so ernst nahm.“

Er tat allerdings so, als nähme er sich und seinen Nonsens total ernst. „Und das hat die Leute erstmals verwirrt. Das war der entscheidende Abend für mich. Da hat mich das Publikum entdeckt. Ich habe dann jeden Monat ein neues Gedicht geschrieben und es dort vorgetragen, und sie haben jedes Mal wieder gelacht.“

Johann König mit dem deutschen Comedypreis.

Mit einem Regisseur arbeitete er heraus, was an seiner Person komisch ist, potenzierte dies und wurde somit zu seiner eigenen Karikatur. Von seinen ersten Auftritten auf offenen Comedy-Bühnen schickte er ein Video an den Quatsch Comedy Club. Dessen Chef und Moderator Thomas Hermanns gefiel die abgefahrene Nummer und ließ ihn erst in den reinen Bühnen-Shows auftreten, „den Text habe ich im Zug auf dem Weg dorthin geschrieben. Die Nummer habe ich danach noch vier oder fünf Jahre lang gespielt. Das war bei den ersten Auftritten immer so – es war ja nicht abzusehen, dass ich mit diesen Nummern jahrelang auftreten würde.“

Oft kam er so zeitnah vor seinem Auftritt, dass ihm keine Zeit blieb, sich Mut anzutrinken. „Dann musste ich eben nüchtern auf die Bühne. Und es hat dennoch geklappt. Also wusste ich: Ob ich was trinke oder nicht, ändert nichts am Effekt. Heute trinke ich nicht einmal während der Pause etwas.“

Er brauchte lange, um sich selber zu sagen: Jetzt fahre ich zur Arbeit. „Ich habe eher gesagt: Ich geh jetzt Späßchen machen. Das vor mir selber und der Familie als Beruf anzuerkennen, hat Jahre gedauert. Deshalb habe ich noch eine Weile weiter studiert.“

Der Wendepunkt kam, als er morgens eine mündliche Prüfung hatte und abends einen Auftritt bei Harald Schmidt. Entsprechend nervös ging er in die Prüfung, schaffte nur eine Vier. Die Prüfer fragten, was denn los sei, ob ich immer so komisch sei. „Sie meinten, ich müsse mich für eines von beidem entscheiden, Studium oder Bühne.“ Im 19. Semester ließ er sich exmatrikulieren im Wissen, dass er sein Studium jederzeit wieder weiterführen kann, „denn das war auch für meine Eltern wichtig zu wissen, dass ich jederzeit verbeamtet werden kann.“

Denn die Frage, wie lange das alles noch gut geht, stelle sich jeder in dem Business: „Atze Schröder sagt immer, wenn er aus dem Urlaub kommt: Was bin ich? Komiker? Vor wie vielen Leuten stehe ich? Man fühlt sich nie ganz sicher. Nur die Angst vor einem kreativen Loch, die habe ich nicht.“

Um auf seine verrückten Ideen zu kommen, müsse er einfach ganz bei sich sein, die Augen schließen und eine Assoziationskette anwerfen, dabei laut sprechen: „Ich stelle mir zum Beispiel vor, wie ich den Supermarkt gehe, spreche das laut und wenn ich es selber lustig finde, schreibe ich das auf. Aber gerade längere Gedichte brauchen manchmal länger.“

Über die Jahre haben er und sein Alter Ego auf der Bühne eine Wandlung vollzogen: „Wenn ich mir Aufnahmen der ersten Auftritte ansehen, das war ja so hölzern und langsam, den Anblick halte ich selber kaum aus. Aber auf der Bühne sehe ich kein großes Potenzial mehr, mich noch weiter zu entwickeln.“

Deshalb nahm er 2012 eine einjährige Pause von der Bühne, aus Angst vor dem Burnout und um neue Ideen zu sammeln, „auch wenn das hart war für meine Familie, mich sieben Tage die Woche um sich zu haben“, so der dreifache Vater. „Ich dachte ja immer, in dem Jahr ruft mal einer an und bietet mir ne Filmrolle an. Hat aber keiner.“

Stattdessen hat er sich neben seinem neuen Programm seinen eigenen Kurzfilm auf den Leib geschrieben. 20.000 Euro hat ihm die Deutsche Filmförderung zugebilligt, 80.000 wird er kosten, die Differenz wird er selber finanzieren. Ostern 2014 soll der Film gedreht werden. Er will darin nicht die Figur spielen, die er auf der Bühne verkörpert, sondern einen einsamen Radiomoderator, der nachts vor dem Mikrofon sitzt, „vollbärtig, damit man erkennt, dass ich eine andere Rolle spiele. Ich möchte auch gerne mal Emotionen vor einer Kamera zeigen. Das traue ich mir zu. Ich übe schon.“ Und er hat Pläne für eine Sendung im WDR, „aber darüber darf ich noch nicht sprechen“.

Heute braucht er keine zehn Kölsch mehr, um auf die Bühne zu gehen. „Allein, dass diese Tour besser verkauft ist als die vier zuvor, gibt mir zusätzliches Selbstvertrauen.“ Und noch einen Grund hat er, kein Lampenfieber fürchten zu müssen: „Weil ich mich nie verstellt habe. Ich habe nie versucht, der große Kasper zu sein, der Euch jetzt zwei Stunden unterhält. Stattdessen bin ich auf die Bühne gegangen und habe gesagt; Boah Leute, ich habe überhaupt keinen Bock. Ich war in dem Moment ehrlich. Dann lachen die Leute und so freue ich mich auch, dass ich da stehe. Und heute ist es mein Traumberuf, von dem ich aber nie geträumt habe. Ich fühle mich frei auf der Bühne, weil ich alles machen kann, was ich will und was dem widerspricht, was einem Entertainer entspricht. Dagegen könnte ich nie wie Mario Barth in einem Stadion stehen und Witze erzählen. Im Bochumer Ruhrkongress hatte ich meinen bislang größten Auftritt vor 2000 Leuten, da wurde mein Gesicht von Kameras auf eine Leinwand übertragen, damit mich alle sehen konnten. Das fand ich schon sehr unheimlich.“

Johann König tritt mit seinem aktuellen Programm „Feuer im Haus ist teuer, geh raus!“ mehrfach in der Region auf: 16. Januar: Stadthalle Ahlen (ausverkauft), 31. Januar: Stadthalle Unna (ausverkauft), 26. April: Stadthalle Werl.

Quelle: wa.de

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