Spektakuläre Schau „1912 – Mission Moderne“ im Wallraf-Richartz-Museum

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Radikal modern: Egon Schieles Bild „Mutter und Kind“ (1912) ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Bei dieser Ausstellung ist Erfolg garantiert: Allein 15 van Goghs sind ausgestellt, sechs von Cézanne, fünf von Gauguin und zwei frühe Picassos. Und das Wallraf-Richartz-Museum zeigt Hauptwerke, von van Gogh zum Beispiel das Selbstbildnis von 1887, die Fischerboote am Strand von Saintes-Maries-de-la-Mer von 1888 und die „Arlesienne“ von 1888.

Die Schau „1912 – Mission Moderne“ ist ein Ereignis. Und doch ist sie nur ein Abglanz des Events, an den sie erinnert. Von Mai bis September 1912 bot die „Internationale Kunstausstellung des Sonderbundes Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“ 650 Werke von 170 Künstlern auf, um aktuellste Tendenzen in Malerei und Skulptur vorzustellen. Es war ein Schlüsselereignis der Kunstgeschichte, die Blaupause für eine neue Art der Kunstpräsentation. Es war, so die Kuratorin Barbara Schaefer, eine „Anleitung zum vergleichenden Sehen“. Noch die erste documenta 1955 in Kassel orientierte sich an der Veranstaltung in Köln.

Der Sonderbund war ein Verein fortschrittlicher Künstler aus Düsseldorf um den Maler August Deusser, der seit 1908 Ausstellungen organisierte. Weil aber 1911 der Ankauf eines Bildes von van Gogh für die Bremer Kunsthalle einen Aufstand konservativer deutscher Maler ausgelöst hatte, verweigerten die Stadtoberen von Düsseldorf der vierten Sonderbundausstellung den Kunstpalast. Man wich nach Köln aus, wo eigens eine Halle mit 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche errichtet wurde. In die Organisation wurden Fachleute eingebunden wie der Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, Alfred Hagelstange, und der Hagener Mäzen und Sammler Karl Ernst Osthaus. Die neuesten Strömungen fanden sich repräsentiert. Van Gogh als Stammvater der Moderne erhielt fünf Säle für 125 Werke. Der junge Picasso wurde mit 16 Werken in einem Saal vorgestellt, Munch erhielt breiten Raum. Ausgestellt wurden die Fauvisten aus Frankreich, Kokoschka und Schiele aus Österreich, die Expressionisten der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“.

Es war für das Publikum durchaus ein Schock. Kritiker ätzten: „Gemälde, die eher in die Sammlung eines Nerven- oder Irrenarztes als in eine öffentliche Kunstausstellung gehören“. Zumal anfangs Beschriftungen oder ein Katalog fehlten. Ein Erfolg wurde die Schau trotzdem mit geschätzt 60 000 Besuchern (genaue Zahlen gibt es für August).

Die aktuelle Rekonstruktion stand vor dem Problem, dass das historische Ereignis nicht dokumentiert war. Drei Jahre lang arbeitete das Team um Kuratorin Schaefer auch daran, die 650 Exponate von damals eindeutig zu bestimmen. In den Katalog sind ihre Erkenntnisse eingeflossen, erstmals hat man, wenn auch mit Lücken, einen gesicherten Bestand der Bildern, die damals zu sehen waren. In Köln sind 115 Werke aus diesem Fundus ausgestellt, man sieht, was schon 1912 hing.

Den Besucher erwartet ein grandioser Streifzug, der mit dem Pointillismus von Henri-Edmond Cross und Paul Signac einsetzt. Furios der Saal mit Oskar Kokoschkas „Bildnis des Schauspielers Karl Etlinger“, Egon Schieles „Mutter und Kind“, Ferdinand Hodlers lebensgroßem Bild „Entzücktes Weib“ und den „Zwei Mädchenakten“ des „Brücke“-Malers Cuno Amiet, in denen das Vorbild van Gogh deutlich erkennbar ist. Edvard Munchs „Weiblicher Halbakt“ (1902) mit dem Untertitel „Das Biest“ mag in seiner sexuellen Stimmung ebenso provokant gewirkt haben, wie das experimentelle Paarbild „Amor und Psyche“ (1907), bei dem ein Streifenmuster das Motiv komplett überlagert.

Die Schau orientiert sich nicht an dem, was ohnehin beliebt, bekannt ist. Schaefer sagt, dass sie durchaus noch mehr Werke zum Beispiel von van Gogh hätte zeigen können. Es gibt alte Fotos aus der Schau, eine Wand im Norweger-Saal wurde rekonstruiert. Aber das war nicht durchgängig möglich, die Retrospektive bildet das Grundgerüst der damaligen Schau ab. So sieht man auch die „Frau im Sessel“ des ungarischen Kubisten Robert Bereny und das „dekorative Gemälde“ seines Landsmanns Jozsef Rippl-Ronai. Man begegnet den seltsam monumentalen Akten von Pierre-Paul Girieud, der den Fauves nahestand und dem Blauen Reiter, der aber heute nicht annähernd so berühmt ist. Den furiosen Abschluss bildet ein Raum mit den damals jungen Künstlern, mit Werken nicht nur des Brücke-Malers Erich Heckel, von August Macke und dem kraftvollen „Lehmarbeiter“ Wilhelm Morgners. Nicht möglich war es, die „Kapelle“ der Ausstellung zu rekonstruieren, ein wirklicher Andachtsraum mit Glasfenstern von Johan Thorn Prikker, die heute in der Neusser Dreikönigskirche eingebaut sind. Hier arbeitet die Schau ausnahmsweise mit Entwürfen, Skizzen und Fotos einiger Beispielsfenster.

Aber schon damals gab es nicht nur Treffer der Jury, und die Kölner Rückschau bildet auch Missgriffe ab. Ein kleiner Raum ist den ursprünglichen Sonderbündlern gewidmet. August Deusser nutzte die Chance, dass er in der Jury saß, und reservierte sich den kompletten letzten Saal. Kein Gewinn, vergleicht man seine Landschaften mit dem Vorbild Cézanne oder sieht man auf sein Bild „Kürassiere“, bei dem preußisches Motiv und impressionistische Technik eine unglückliche Verbindung eingehen.

1912 – Mission Moderne im Wallraf-Richartz-Museum Köln.

Bis 30.12., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr,

Tel. 0221/ 221 211 19,

http://www.wallraf.museum

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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