Sophie Taeuber-Arps radikal modernes Werk in Bielefeld

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Schwebende Verbindungen, kinetische Kraft: Sophie Taeuber-Arps Gemälde „Steigend, fallend, anhängend, fliegend“ (1934) ist in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen.

Von Achim Lettmann -  BIELEFELD Sophie Taeuber-Arp wird als Künstlerin immer mit ihrem Mann Hans Arp in Verbindung gebracht. Seine Skulpturen gehören in die erste Reihe der Kunstgeschichte. Und sie? Einen Schritt dahinter, oder zwei?

Dass das Werk von Sophie Taeuber-Arp neu gewertet werden muss, legt eine Ausstellung in Bielefeld nah. Die gebürtige Schweizerin aus Davos (1889–1943) hat ihre Kunstauffassung auf Stoffen, Tischteppichen, Taschen, Kissen, Kaffeewärmern, mit Ketten, Anhängern und Kostümen gezeigt. Sie hat zeitweise als Innenarchitektin gearbeitet und 18 Gebäude mitentworfen, die ausgeführt wurden. Sie hat Gouachen, Zeichnungen, Gemälde, Reliefs und Skulpturen geschaffen. Und sie hat zehn Marionetten hergestellt, die eine modernisierte Geschichte der Commedia dell’ arte mit neuer Figürlichkeit bewegten. „Sophie Taeuber-Arp. Heute ist Morgen“ ist eine ganz famose Schau, die einen Überblick auf ein Werk bietet, das bisher in Teilen bekannt war, aber in dieser Geschlossenheit gerade neu wirkt.

Die Kunsthalle Bielefeld eröffnet heute Abend um 19 Uhr. Die Ausstellung, die rund 200 Exponate aufweist, wurde vom Aargauer Kunsthaus konzipiert. Taeuber-Arps Möbel und Typografien (nur im Katalog) sind allerdings nicht zu sehen. Bielefeld ist die zweite und einzige Station in Deutschland, nachdem die Schau im schweizerischen Aarau ein großer Erfolg war. Kunsthallendirektor Friedrich Meschede wollte seit seinem Amtsantritt in Bielefeld Sophie Taeuber-Arp ausstellen. Nach der Präsentation von „To Open Eyes. Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute“ ergänzt die aktuelle Schau die Neubewertung textiler Kunst um das Beispiel Taeuber-Arp.

Vor allem die Marionetten von 1918 sind eine Rarität, weil sie bis auf die Figur der „Wache“ im Original zu sehen sind. Das Stück „König Hirsch“ war nur zweimal aufgeführt worden, da ein Versammlungsverbot in der Schweiz der spanischen Grippe vorbeugen sollte. So verschwanden die Figuren in Schachteln und überdauerten die Zeit. Sie seien deshalb so wichtig, sagt Thomas Schmutz vom Kunsthaus Aargau, weil sich der Anspruch von Taeuber-Arps Kunst in den Figuren verdichte. Folglich verweisen die Marionettenkörper (Geometrie, Konkrete Kunst), ihre Bewegungen (Tanz, Kinetik) und die aktualisierte Geschichte des „König Hirsch“ (Neubewertung des Lebens) auf Taeuber-Arps Schaffen. Die Figuren gestaltete sie für die Künstlervereinigung „Das neue Leben“. In Bielefeld sind die Marionetten in einer großen Vitrine szenisch präsentiert. Die „Wache“ ist ein geometrischer Körper mit fünf Armen und fünf Beinen, der etwas Gegensätzliches gleichzeitig tun kann. Ein frühes Objekt der Science-Fiction-Kultur. Die Geschichte selbst knüpft an alte Traditionen an. Ein König, der die richtige Frau sucht, wird aus Missgunst verwandelt und gerät als zeitweiliger Hirsch in Gefahr, geschossen zu werden. Erst als Angela ihn an seiner Stimme erkennt – sie liebt ihn wirklich –, kann er von Freudanalytikus (eine neue Figur) zurückverwandelt werden. Das Glück geht für den König auf die Urlibido der Tiere zurück. Happy End.

Ziel der Ausstellung ist es, Taeuber-Arps Arbeitsweise zu präsentieren, wie sie beharrlich durch verschiedene Gattungen ihre abstrahierte Kunst entwickelte. Es ist letztlich ein Weg zu konkreten Formen, der in Bielefeld sinnfällig gemacht wird.

Taeuber-Arp war von 1916 bis 1929 an der Gewerbeschule Zürich für textiles Entwerfen zuständig. Sie konnte sticken, weben und drechseln. Anstelle tradierter Muster stickte sie farbige Fläche, wie für „Komposition vertikal-horizontal“ (1917). Hochformatige farbige Flächen werden von zwei dunklen Farbfeldern ausbalanciert, beruhigt. Dieses Ziel, Form und Fläche ins Gleichgewicht zu bringen, begleitete sie. 1924 lernte sie Theo van Doesburg kennen, der sich mit seinem Manifest 1930 von der konkreten Kunst Mondrians und Malewitschs unterschied. Seine geometrischen Formen waren räumlich gedacht und nicht sphärisch, unendlich. Taeuber-Arp entwickelte ihre Abstraktion vor diesem Hintergrund weiter. Ihr Gemälde „Bewegte Kreise“ (1934) geht einer dreidimensionalen Arbeit voraus: „Rechteckiges Relief, ausgeschnittene Kreise, vorspringende Kegel“ (1936). Schwarz, Weiß, Blau aus dem Bild kehren hier als Körper wieder. Taeuber-Arp schuf zum Thema Balance eine neue Leichtigkeit auf die Leinwand, die die Kreise und Kugeln scheinbar bewegte. Ihr Gemälde „Steigend, fallend, anhängend, fliegend“ (1934) verbindet farbige Kreise, Kugeln (Blau, Grün, Schwarz, Gelb) wie in einem Mobile. Es wirken kinetische Kräfte.

Sophie Taeuber-Arp, die 1937 in Paris die internationale Zeitschrift „Plastique/plastic“ herausbrachte, kannte die Dadaisten und Konstruktivisten. Sie besuchte ethnografische Ausstellung und ließ sich zu ihren „Hopi“-Indianerkostümen (von 1922) inspirieren. Als Ausdruckstänzerin trat sie neben Mary Wigman in der Künstlerkolonie auf dem Monte Verità bei Ascona auf. Hans Arp, den sie 1922 heiratete, war bereits 1915 angetan davon, dass ihre farbigen textilen Flächen so eine „sanfte Stille“ vermittelten. Einen Großteil ihrer malerischen Stillleben und Porträts hatte die junge Künstlerin zu dieser Zeit bereits fortgeworfen.

Die Schau

Wie sich eine Kunstauffassung in zahlreichen Medien manifestiert hat, das belegt diese großartige Schau über eine moderne und radikale Künstlerin.

Sophie Taeuber-Arp. Heute ist Morgen in der Bielefelder Kunsthalle. Eröffnung, heute 19 Uhr. Bis 15. März 2015; di-so 11-18 Uhr, mi bis 21 Uhr, sa 10-18 Uhr, Feiertage 11-18 Uhr, am 24. u. 31. 12. geschlossen; Katalog 58 Euro; Tel. 0521/32999 500

www. kunsthalle-bielefeld.de

Quelle: wa.de

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