„Somnia“: Theaterstück über Langzeit-Patienten im Pumpenhaus Münster

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Brav austrinken: Stefan Otteni, Agnieszka Barczyk und Bettina Lamprecht (von links) in Tugsal Moguls „Somnia – Auf der Intensivstation“. ▪

Von Tobias Schröter ▪ MÜNSTER– Angestrengtes Atmen, lautes Schnarchen, ab und an mal ein Schmatzen: Auf der Intensivstation herrscht eine unangenehme Geräuschkulisse. Drei Patienten liegen da nebeneinander, aufgebahrt auf unbequem aussehenden Liegen. Ein vierter kommt wenig später live dazu: Dietmar Pröll bricht auf der Bühne zusammen, wird ruckzuck der Einheitskleidung mit entwürdigendem OP-Kittel angepasst und in die Bettenreihe verfrachtet, wo er sich fortan zwischen ächzenden Beatmungsmaschinen, piependen EKG-Kurven und vor allem zwischen grübelnden Gedanken wiederfindet.

Das Stück „Somnia – Auf der Intensivstation“, das im Münsteraner Pumpenhaus uraufgeführt wurde, ist bereits der zweite Bühnen-Ausflug von Regisseur Tugsal Mogul ins medizinische Metier, was angesichts seines beruflichen Werdegangs wenig verwundert: Der in Neubeckum geborene Sohn türkischer Einwanderer ist nicht nur Diplom-Schauspieler, sondern besitzt auch eine abgeschlossene Anästhesisten-Ausbildung und eine Halbtags-Stelle in der Münsteraner Raphaelsklinik. Nachdem sich das Multitalent in seinem vorangegangenen Werk „Halbstarke Halbgötter“ auf die Perspektive der Ärzte zwischen Stress, Familien-Spagat und Glücksgefühl beim Retten von Leben fokussiert hatte, beleuchtet Mogul in „Somnia“ das Innenleben der Patienten.

Als textliche Basis dienten ihm dafür Interviews mit realen Langzeit-Gästen der Intensiv-Station, die mit Schädelhirn-Traumata und anderen schweren Verletzungen Monate lang im Krankenhaus behandelt werden mussten. Szenen aus diesen Gesprächen werden zwischendurch immer wieder als Intermezzi auf einer Leinwand eingestreut und untermauern die abenteuerlich anmutenden Aussagen der Bühnenfiguren durch Erzählungen von eigenen Grenz-Erlebnissen.

Denn in „Somnia“ steht eines im Mittelpunkt: die gestörte Wahrnehmung der Patienten. Ausgezehrt durch das monotone Liegen, die Sinne durch Medikamente benebelt, fallen sie in einen verwirrten Zustand zwischen Nachdenklichkeit und Wahnvorstellungen.

Die meisten sind sich noch nicht einmal mehr sicher, wie sie überhaupt ins Krankenhaus gekommen sind. So hält sich Patient Pröll mit der Zeit für das Opfer eines Schmuggler-Rings, der ihn zum rektalen Transport von Drogen missbraucht und mit Kokainstaub gefügig macht, Zimmernachbar Stefan Otteni wähnt sich nicht in einem deutschen, sondern einem tunesischen Krankenhaus. Und Carmen Dalfogo spürt eine Hand, die ihre Eingeweide durchwühlt.

So absurd sind die Gedankengänge der Figuren jedoch nicht ständig: Durchaus klar im Kopf durchdenken sie die eigene Existenz und monologisieren über Leben, Liebe und Tod, was auch den Zuschauer zum Denken anregt. Aufgelockert wird dies durch humorige Szenen aus dem Krankenhaus-Alltag, in denen die melancholischen Patienten von der überschwänglichen Schwester aus dem Schlaf gerissen oder zu fröhlich-lateinamerikanischer Tanzmusik „aktiviert“ werden. Was die Ernsthaftigkeit des Stücks jedoch nicht untergräbt, sondern die Darstellung der schizophrenen Situation nur noch verstärkt.

Ganz auf die Patienten beschränkt bleibt „Somnia“ dann aber doch nicht: Auch die Überlastung der Krankenschwester Agnieszka Barczyk wird thematisiert: Unter der schrecklichen Kakophonie aus nervigen Maschinen und noch nervigeren Patienten kann sie ihre freundliche Maskerade nicht aufrecht erhalten und reagiert erst mit Geschrei, dann schließlich mit Gleichgültigkeit. Während das weitere Schicksal der Bühnen-Patienten am Ende offen bleibt, schließt „Somnia“ versöhnlich mit Bildern der realen Interviewpartner, die den Sprung zurück ins Leben geschafft haben. Mehr noch: Als lebender Beweis kommen sie zum langen Schlussapplaus persönlich auf die Bühne.

26.11., 27.11., 1.12., 2.12, 3.12, 4.12.

Tel. 0251/ 233 433

http://www.pumpenhaus.de

Quelle: wa.de

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