Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. von Sönke Neitzel und Harald Welzer im S. Fischer Verlag

Von Jörn Funke ▪ Es sei ihm ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen, sagt ein Oberleutnant der Luftwaffe im Juni 1940 zu einem Kameraden. Das sei ein feines Gefühl, „ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Der Mann sitzt da bereits in Kriegsgefangenschaft und erzählt munter von seinen Erlebnissen an der Front. Was er nicht weiß: Die Briten hören mit.

Tausende solcher Abhörprotokolle lagen jahrzehntelang unbeachtet in britischen und amerikanischen Archiven. Der Historiker Sönke Neitzel und der Sozialpsychologe Harald Welzer haben sie ausgewertet. Während die Alliierten nach Militärgeheimnissen suchten, interessierten die Wissenschaftler sich für das Weltbild der Soldaten.

Was die Wehrmachtsangehörigen sich erzählen, ist vielfach schockierend. Aus den Protokollen spricht die schnelle Gewöhnung an Gewalt, die Lust am Töten und die Gleichgültigkeit gegenüber Zivilisten. Neitzel und Welzer weisen ausdrücklich auf die Besonderheit der Situation hin: Die Männer sind unter ihresgleichen, fühlen sich verstanden, glauben nicht auf ihre Worte achten zu müssen. Die Abhörprotokolle sind deshalb, so die Autoren, authentischer als Feldpostbriefe, Ermittlungsakten oder Nachkriegserinnerungen.

Doch das Gesagte muss dabei nicht immer der Wahrheit entsprechen, die Soldaten schmücken ihre Geschichten gerne aus. Da gibt es einen U-Boot-Fahrer, der stolz darauf ist, einen Kindertransport versenkt zu haben und einen Kampfpilot, der gezielt auf Frauen mit Kinderwagen geschossen haben will. Überprüfen lässt sich das nicht. Für die Autoren ist entscheidend, dass die Soldaten mit diesen Grausamkeiten vor ihresgleichen angeben wollten. Mit humanem Handeln ging das offenbar nicht.

In den Protokollen sind auch Reste „ritterlichen“ Verhaltens zu besichtigen: Einen Piloten, der aus einem Flugzeug absprang, unter Feuer zu nehmen, war demnach tabu – auf Unbeteiligte am Boden zu schießen aber nicht. Die Massenerschießungen von Juden stießen in der Wehrmacht den Abhörprotokollen durchaus auf Kritik – weil den Soldaten die Form missfiel. An der Vernichtung der Juden an sich hatten die meisten nichts auszusetzen. Antijüdische Stereotype waren im Weltbild der Soldaten fest verankert.

Zum Vorschein kommen in Neitzels und Welzers Zusammenfassung nicht nur die spektakulären Greueltaten, sondern auch die alltäglichen Grausamkeiten: Alkoholexesse, Raub, Zwangsprostitution und Vergewaltigung. Den möglichen eigenen Tod blenden die meisten Soldaten aus – ein Ort für die Offenbarung von Gefühlen war der Kameradenkreis offenbar nicht.

Die Autoren wollen die Gewalterzählungen einordnen: Sie weisen auf die überhöhte Bedeutung des Militärs in allen europäischen Gesellschaften der 30er und 40er Jahre hin, und auf den Wertekanon aus Gehorsam und Tapferkeit, dem die Wehrmacht sich verpflichtet fühlte. Vergleiche mit dem Vietnam- und Irakkrieg, auch mit dem aktuellen Afghanistan-Einsatz werden gezogen.

War der Krieg der Wehrmacht also gar nicht nationalsozialistisch geprägt? Doch, sagen die Autoren. Dort, wo sich die Gewalt gegen Wehrlose richte, sei der Krieg spezifisch nationalsozialistisch – wie bei der Ermordung von sowjetischen Kriegsgefangenen oder der Vernichtung der Juden.

Doch für wichtiger als die Weltanschauung halten Neitzel und Welzer das praktische Handwerk des Krieges. Der Krieg sei eben eine Situation, in der Menschen Dinge tun, die sie im zivilen Leben niemals tun würden. Es sei ganz simpel die in der Gruppe erlebte und praktizierte Gewalt, welche die Handlungen der Soldaten erklärbar mache.

Sönke Neitzel / Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. S. Fischer: Frankfurt am Main 2011. 521 Seiten. 22,95 Euro.ORTSMARKE –

Quelle: wa.de

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