Slings großartige Gerichtsreportagen

Von Ralf Stiftel - Bei „Sling“ denkt man an manches. An den Spitznamen eines Kino-Gangsters vielleicht oder an eine Figur von Brecht. Oder an die Schlinge des Henkers – in der Weimarer Republik gab es noch die Todesstrafe. Unter diesem Kürzel berichtete Paul Schlesinger (1878–1928) aus den Berliner Gerichten, Moabit vor allem. Der Reporter wurde zum Klassiker, lange aber waren seine Texte vergriffen. Nun ist der Band „Der Mensch der schießt“ herausgekommen, die bislang umfangreichste Auswahl.

Der Buchtitel stammt aus einem programmatischen Essay von Sling: „Der Mensch, der schießt“, heißt es da, „ist ebenso unschuldig wie der Kessel, der explodiert, die Eisenbahnschiene, die sich verbiegt, der Blitz, der einschlägt, die Lawine, die verschüttet. Alles tötet den Menschen, auch der Mensch tötet den Menschen.“

Er hat über spektakuläre Mordprozesse berichtet. Aber nichts war ihm zu klein, ein Bagatelldiebstahl, eine Beleidigungsklage, eine Kneipenschlägerei waren ihm gerade so interessant. Er schrieb für den Tag, meistens in der liberalen Vossischen Zeitung. Jura hatte er nicht studiert. In einem autobiografischen Text erzählt er, dass er als Lehrling einer Damenbekleidungsfirma mit dem Hausdiener Justav heimlich ins Moabiter Gericht gegangen war, „um ein paar Verbrecher aburteilen zu sehen“. Als Autodidakt, als Außenseiter arbeitete er. Das verlieh ihm die nötige Distanz zum juristischen Betrieb, der noch ständisch geprägt war, mit Richtern aus dem Kaiserreich, die in der Republik nicht angekommen waren. Einmal schreibt Sling, er wisse, „daß die deutsche Justiz auch in ruhigen Zeiten schwer dazu zu bringen ist, ein einmal gefälltes Urteil zu revidieren“. Da erinnert sich der heutige Leser vielleicht an den Fall Mollath und denkt, dass sich offenbar manches einfach nicht ändern will.

Was vor Gericht kommt und wie das Gericht dann urteilt, das sagt viel über eine Zeit aus. Insoweit sind Slings Texte auch Geschichtslektionen. Zum Beispiel der Fall des Vorsängers einer Jüdischen Gemeinde, der verhaftet wurde, weil er sich bei Polizeibeamten beschwert darüber hatte, dass sie in einer Gottesdienstpause Frauen vom Bürgersteig vertrieben (das gehörte damals wohl zu polizeilichen Rechten: zu entscheiden, ob Bürger herumstehen dürfen). Und der Schupomann sagte: „Ich pfeife auf die jüdischen Feiertage.“ Ein brutaler Straßenräuber bekommt mildernde Umstände, weil er behauptet, sein Opfer sei Kommunist gewesen und er sei ein Bolschewistenhasser. In einem anderen Text geht es um einen „Prügelpädagogen“ an einer Gemeindeschule.

Sling war verbindlich im Ton, aber unbestechlich in der Sache. Gesinnungsjustiz prangerte er an, und einige Gesetze, vor allem Reform des Justizministers Emminger, die 1924 eine „Eidesseuche“ auslöste, bekämpfte er beharrlich.

Sling ließ sich von Empathie leiten, für die Opfer von Straftaten, aber auch für viele Täter, die durch Lebensumstände vom rechten Weg abkamen. Selbst dem Direktor Angerstein, der in einem unerklärten Gewaltausbruch seine Familie und Hausangestellten umbrachte, acht Menschen, versagt er am Ende nicht sein Mitgefühl. Wunderbar seine knappen Charakterisierungen von Angeklagten und Zeugen. Der beschuldigte Heilgehilfe, der stattliche Liebhaber aus Dänemark, die Dame von der Liebe – sie steigen vor unser inneres Auge aus den knappen Zeilen. Und wie plastisch zeigt er uns die „Hinterhaustragödie von Berlin SO“, eine lieblose Ehe, in der sie ihn mit einem Beil fast totschlug und das Opfer einen Brief an „Meine böse Frau“ mit „Dein böser Mann“ unterschrieb. „Und in dieser Ehe gab es keine Unterhaltung, kein abendliches Ausgehen, kein Kino, keinen Tanz. Es waren zwei stille, ordentliche, arbeitsame, aufs Sparen bedachte Leute. … Sie wußten nicht, was sie entbehrten... Und da sie nicht ins Kino gingen, kam es zu ihnen, mit Mord und Totschlag.“

Aber Sling kennt auch Komödien wie das Verhör des Berufseinbrechers Förster, der vor dem Richter „ein jewisses Ehrgefühl“ herausstreicht, oder das Satyrspiel um drei prügelnde Pferdehändler. Nur eins verrät Sling uns nicht: Was denn die Beleidigung „Hosentrompeter“ bedeutet.

Sling: Der Mensch, der schießt. Nachwort Hans Holzhaider. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. 400 S., 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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