Skulpturen der Dogon in der Bundeskunsthalle Bonn

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Bedeckt mit einer Kruste aus Hirsebrei und Blut: Eine Figur der Dogon, zu sehen in Bonn. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BONN–Ein dicker, schrundiger Schorf bedeckt die schmale, hohe Figur über und über. Wir ahnen noch, dass dies einen Menschen darstellen soll. Doch selbst mit der Kruste berührt noch die einfache Eleganz der Form. Die Skulptur stammt aus Afrika, aus dem Dogonland. Kunsthistoriker sprechen von Patina auf der Holzfigur. Wahrscheinlich wurde die Masse aus Hirsebrei und Blut in Opferritualen aufgetragen und verband sich in vielen Jahren fest mit dem Kern.

Die Figur ist in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen, in der Ausstellung „Dogon – Weltkulturerbe aus Afrika“. Sie kommt aus dem Musée du quai Branly in Paris, wo sie 200 000 Besucher anlockte, und sie ist eine einzigartige Chance, einer großartigen Kunst zu begegnen. Das Dogonland ist eine Hochebene am Niger im Osten Malis, eine karge Region am Rande der Sahelzone. Hierher zogen, vielleicht im 12., vielleicht im 14. Jahrhundert, Flüchtlinge, die Dogon, die sich mit den Einwohnern vermischten, die sie „Tellem“ nannten, „die wir gefunden haben“. Sie übernahmen viel von ihnen, und sie prägten eine reiche Kultur mit abstrahierenden Formen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts die Avantgarde Europas inspirierte. Man denkt vor diesen Figuren oft, dass das von einem Picasso, einem Klee, einem Giacometti stammen könnte. Picasso und die Expressionisten der „Brücke“ wie Ernst Ludwig Kirchner waren denn auch stark beeinflusst von diesen Werken.

Aber sie sind viel älter: Die ältesten Stücke wurden mit moderner Technik untersucht, sie stammen aus vorchristlicher Zeit, andere aus dem Mittelalter. Die „Kinder der Sonne“ schufen eine nüchterne Kunst, nah am Alltag. Da gibt es keine erzählerischen Momente, keine Szenen. Stattdessen Figuren, die selbst im kleinen Format monumental wirken. Meistens stehen sie dem Betrachter gegenüber, manchmal führen sie gewöhnliche Tätigkeiten aus. Eine Mutter hält ihr Kind. Eine Frau trägt eine Schale. Eine andere stampft Hirse. Ein Trommler musiziert, und zwei andere spielen Balafon. Reiter sind zu sehen. Oft halten Figuren die Arme erhoben, was vielleicht die wichtige Geste eines Rituals war.

Trotz diesen Beschränkungen wirkt die Schau nicht monoton. Die Kraft dieser Darstellungen trägt. Und die Kunsthistoriker, die diese anonymen Arbeiten untersuchten, konnten sogar Handschriften unterscheiden, ähnlich wie bei mittelalterlichen Malern, die ihre Bilder nicht signierten, zu denen es keine Dokumente gibt, aber denen man Notnamen gab. So auch hier: Aus dem 14. Jahrhundert stammt die „Mutter mit Kind“ des Bildhauers, den man nach dieser Arbeit „Meister der roten Maternitas“ nennt. Ruhig thront die Mutter auf einem Hocker, hält ihr Kind entspannt auf dem Schoß, fast wie eine Madonna. Die seltene rote Farbe steht für Lebenskraft. Die Körperformen sind extrem abstrahiert, Augen, Brüste sind als geometrische Formen gesetzt, Arme und Beine schlank und überlängt. Aus dem 17. oder 18. Jahrhundert stammen die Arbeiten des „Meisters der schrägstehenden Augen“, weibliche Figuren, an denen Details wie die Frisur, Ziernarben und das Muster eines Lendenschurzes fein ausgearbeitet wurden. Die Exponate stammen aus den internationalen Museen wie dem Metroplitan Museum in New York, dem Museum Rietberg in Zürich und natürlich dem Musée du quai Branly, aber auch aus internationalen Privatsammlungen.

Die Ausstellung umfasst neben den Skulpturen expressive Masken, die bei zeremoniellen Tänzen getragen wurden. Viele stehen für Tiere, Affen zum Beispiel oder Antilopen. Zuweilen drücken sie auch verschlüsselt Glaubensinhalte der Dogon aus wie die Maske „Kanaga“, die das Bild des Schöpfers zeigt. Alltagsobjekte wie Kopfstützen, Hocker, Schmuck oder Tröge, die wiederum zeremoniellen Zwecken dienten, weisen eine ähnlich kraftvolle Gestaltung auf. Besonders wichtig waren für die Dogon Speicher für die knappe Hirse, die vor Nagetieren geschützt werden musste. In der Schau werden Türen dieser Speicher gezeigt, die aufwendig mit geschnitzten Figuren verziert sind.

Die Kultur der Dogon blieb lange erhalten, weil die Region bis ins späte 19. Jahrhundert isoliert war. Dann kam Frankreich als Kolonialmacht. Die Schau reflektiert auch die oft zweifelhaften Wege dieser Werke in abendländische Sammlungen, bei denen Feldforscher zuweilen schlicht stahlen, was ihnen attraktiv erschien. Seit 1989 ist die Region doppeltes Welterbe der Unesco, Natur- und Kulturerbe, weil beides in der Dogon-Gesellschaft eng verzahnt ist. Aber die Naturreligion ist im Rückzug, und was lange als Lebensweise funktionierte, wird in Dürreperioden mit der Drohung von Hungersnot fragwürdig. In der Schau kommen auch moderne Dogon zu Wort, man kann per E-Mail und Skype Kontakt aufnehmen.

Was die Dogon der Welt schenken, zeigt am Ende der Schau konzentriert eine Figur, der gewaltige, mehr als zwei Meter hohe und mehr als 1000 Jahre alte Hermaphrodit aus dem musée du quai Bramly. Diese Figur hat männliche und weibliche Eigenschaften, trägt mächtige Brüste und einen Bart. Sie war einst noch prächtiger, inzwischen sind die Beine und ein Arm verloren. Doch noch immer steht sie dem Betrachter in ruhiger Erhabenheit gegenüber.

Bis 22.1.2012, di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 91 71 200, http://www.bundeskunsthalle.de;

Katalog 39 Euro

Quelle: wa.de

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