Das „Situative Brachland Museum“ in Bochum

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Hirn, wo es nötig ist: Christine Biehler und Assistentin installieren ein kunstwerk im Brachland Museum.

Von Matthias Kampmann ▪ BOCHUM–Antrag gestellt, Antrag abgelehnt. So kann's gehen, wenn Projekte auf den Widerwillen einer Verwaltung stoßen. Allerdings muss man sich nicht damit zufrieden geben. Der Bochumer Künstler Matthias Schamp, 1964 in Krefeld geboren, ärgerte sich über einen Zaun um ein 4,5 Hektar großes Areal. Schamp, der dort gern spazieren ging, schrieb einen offenen Brief an das Baudezernat. Ohne Antwort zu bekommen. Dann kam ihm die Idee, diesen absurden Ort in ein außergewöhnliches Museum zu verwandeln, das „Situative Brachland Museum“.

Zum Experiment mit Bürgersinn gewannen er und Mitgründer Steffen Schlichter weitere Mitstreiter. Die Situation charakterisieren Brüche. Kommt man aus dem Amüsierviertel, dem „Bermudadreieck“, und quert die Königsallee, steht man plötzlich vor diesem Bauzaun. Dahinter ist wucherndes Nichts. Niemandsland in stadtplanerisch bester Lage. Aber die Künstler eroberten nicht einfach das Gelände, indem sie die Absperrung einrissen. Vielmehr warfen sie die Werke schlichtweg über den Zaun. Das klingt nach Unsinn, aber genau für diese Sinnstiftung im scheinbar Unsinnigen ist Schamp bekannt.

Natürlich geht es nicht um das Entsorgen von Altlasten aus dem Atelier. Alle Arbeiten entstanden für das Museum und greifen das Thema von Ödland und die Politisierung und Kommerzialisierung von öffentlichem Eigentum auf. Es ist gleichfalls Ironie jüngster Geschichte, dass die Fläche, zum Bochumer „ViktoriaQuartier“ gehörig, im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs zum Leuchtturm ausgerufen worden war. Ansiedlungen der Kreativwirtschaft, vergleichbar mit dem Projekt Dortmunder U, soll es geben. Das Gelände sei jedoch weder kanalisiert noch sonst erschlossen, sagte ein Sprecher der Stadt. Bis heute hat hier lediglich lediglich ein Discounter eine Filiale eröffnet. Und der Zaun, der die private Zwischennutzung der Spaziergänger unmöglich macht, verdankt sich der „Sympathie der Lichtscheuen“. Hier lägen Spritzen herum, und einen Todesfall habe es schon vor Errichtung der Zugangsschranken gegeben. „Das Gelände ist zu gefährlich geworden. Die Stadt kann die Sicherheit nicht gewährleisten. Deswegen gibt es den Zaun“, erklärt der Sprecher weiter.

Dem No Go folgte geworfene Kunst, die also auch keinen legalen Betrachter finden wird. Aber was es gibt, das reizt. Mark Formanek (Berlin) signierte das komplette Gelände. Doch verwendete er eine eigenwillige Schrift: Topfpflanzen, deren Anfangsbuchstaben den Künstlernamen formen. Margerite, Aster, Rose und Kirschlorbeer - fliegende Schönheiten aus dem Treibhaus prallen auf eine wild wuchernde Fauna. Alles schön symbolisch. Oder die Vienna Dark Stars: Über den Zaun segelte ein mittlerweile veraltetes iPhone 3, vor kurzem noch das Must-have der Technik-Schickeria. Das Display zeigt die Projekthomepage an, so lange Saft im Akku ist. Eine herrliche Metapher auf die Vergänglichkeit der Vokabel „Kreativwirtschaft“. Und auf dasjenige, was nicht sein kann, auch nicht sein dürfe. Selbst temporäre Öffnungen für Künstlergespräche sind von städtischer Seite ausgeschlossen. Schamp ist der Auffassung, „in dem Konkreten das Allgemeine sichtbar“ gemacht zu haben. Gerade deswegen werde er im „Rahmen meiner Möglichkeiten“ daran weiterarbeiten. Und jeder Passant hat auf Zeit die Chance, die Kunstwerke zu betrachten, die auf die absurde Situation reagieren.

„Kunstwerke - Werfen“, Situatives Brachland Museum nahe Königsallee, Bochum,

immer geschlossen, bis 2.10., http://www.brachland-museum.de

Quelle: wa.de

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