Die Situation Kunst in Bochum eröffnet das Museum unter Tage

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Blick in den Mittelteil des Museum unter Tage in Bochum. Die Räume sind als klassischer White Cube gestaltet.

Bochum - Es gibt einen ganz neuen Ort, um Kunst anzuschauen. Er liegt nicht in Frankfurt, München oder Düsseldorf, sondern in Bochum, wo die bildende Kunst nicht mal an erster Stelle im Kulturkanon der Stadt steht. Für das neue Museum unter Tage ist keine Industrieruine aufgehübscht und saniert worden.

Die 1350 Quadratmeter Ausstellungsfläche hat die Stiftung Situation Kunst und die Ruhr-Universität Bochum (RUB) in die Parklandschaft des Haus Weitmar eingelassen – 5,50 Meter unter der Erde, wie der Name schon sagt.

Ein quaderförmiges Eingangsgebäude bietet Treppe und Fahrstuhl zur funktional gestalteten Ausstellungsebene. Wer unten ankommt und die weiß gestrichenen Räume erlebt, spürt gar nicht, dass er unter einem Park wandelt. Es ist ein klassisches White- Cube-Gebäude, das sich ganz in den Dienst der Kunst stellt – kein Ort für Baumeister- Schnörkel und Stadtzeichen-Architektur.

Mit dem Museum unter Tage wird ein Zwei-Gebäude-Konzept abgeschlossen, das der Architekt Herbert Pfeiffer (Lüdinghausen) erdacht hat. Der erste Teil – ein moderner Kubus mit opaker Fassade – konnte im Kulturhauptstadtjahr 2010 verwirklicht werden. Hier fanden jährlich drei bis vier Ausstellungen zu vor allem moderner und zeitgenössischer Kunst statt. Neben einem Veranstaltungsraum und kleinen Schauräumen stehen Büros, Lager- und Werkstätten sowie Apartments zur Verfügung. Mit dem Museum unter Tage wird das Arbeitsfeld der Situation Kunst entschieden erweitert. Auf 1500 Quadratmeter – inklusive Bilderlager – lässt sich die historische Sammlung zur Landschaftsmalerei („Weltsichten“) ganz anders zeigen. Rund hundert Werke des 350 Exponate zählenden Konvoluts sind der Ruhr-Uni zum 50-jährigen Bestehen von privaten Sammlern geschenkt worden. Dies sei die bedeutendste Schenkung anlässlich des Jubiläums, sagte Karl-Heinz Schloßer, Kanzler der Ruhr-Uni, in Bochum.

Auf einem Drittel der Fläche sollen ab 2016/17 Wechselausstellungen stattfinden, die unter anderem mit dem Kunstgeschichtlichen Institut der RUB erarbeitet werden. Und schon jetzt hat die Hochschule ein Alleinstellungsmerkmal bei der Ausbildung von Kunsthistorikern. In Bochum wird mit Originalwerken von Picasso, Klee und Slevogt sowie von Lichtenstein, Tillmans und Rückriem gearbeitet. Das heißt, es werden zur Studienzeit Ausstellungen konzipiert, Forschungsaufgaben gestellt, Katalogbeiträge verfasst, letztlich praktische Museumsarbeit geleistet. Für Richard Hoppe-Sailer vom RUB-Institut ist das ein „geisteswissenschaftliches Labor“.

Ausgangspunkt für das Bochumer Modell ist Max Imdahl (1925–88). Der Kunsthistoriker lehrte von 1965 bis 1988 an der RUB und baute die Kunstsammlung auf. Dabei beschäftigte er sich mit zeitgenössischer Kunst sowie mit alten Meistern. Dieser beidseitige Ansatz war in den 1960er Jahren neu. Die Landschaftsmalerei bietet dabei als Sujet den didaktisch besten Zugang, um das Bildverständnis an der visuellen Interpretation der Umwelt durch Künstler zu vermitteln. So ist die Ausstellung „Weltsichten“, die im Museum unter Tage bis Herbst 2016 mit 270 Bildern gehängt ist, der Fundus für Professoren und Studenten. Imdahls Ziel, Kunst zu vermitteln, griff der Galerist Alexander von Berswordt-Wallrabe nach dessen Tod auf, um mit dem Verein „Situation Kunst – Haus Weitmar“ Imdahls Nachlass zu sichern, sein Werk fortzuführen. Die Situation Kunst (für Max Imdahl) geht auf diese private Initiative von 1988/89 zurück.

Heute drückt das Museum unter Tage auch dieses bürgerliche Engagement aus. Im Park Haus Weitmar markiert die viereckige Fläche aus Basaltsplit genau die Größe des neuen Kunstraums. Zwei der drei Funktionsgebäude sind eben aus diesem Mendiger Basalt (Eifel) – ganz grau und ganz minimalistisch. Die Außenansicht des Museums stört nicht die stimmungsvolle Parklandschaft. Erich Reusch hat mit fünf unterschiedlich hohen Stelen in Rot, Schwarz und Cyan ein Ensemble entworfen, das das Verhältnis der Kunstanlage zum Park je nach Standpunkt akzentuiert.

Das Gebäude selbst ist von den Architekten Thomas Vervoorts und Andreas Schindler (Bochum) in nur einem Jahr realisiert worden. Dabei setzt die Geothermie-Anlage mit 15 Kilometer Leitungen neue Maßstäbe. Das Museum unter Tage braucht keine Gasheizung. Alle Baumaterialien sind nachhaltig und aus der Region. Vervoorts/Schindler haben die sieben Millionen Baukosten gehalten. Selbst die Gipskartonwände wurden mit Holzplatten optimiert, damit sich die Bilder besser befestigen lassen. Denn um die geht es. Ob die ersten Landschaftsdarstellungen aus China (8./9. Jahrhundert) oder die niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters, Natur- und Weltdarstellungen auch in den Farben deutscher Expressionisten werden nun angemessen präsentiert.

mi – fr 14 – 18 Uhr; sa, so und Feiertage 12 – 18 Uhr;

Tel. 0234/2988 901;

www.situation-kunst.de

Quelle: wa.de

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