Wir sind Helden spielen in Bielefeld

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Ausdrucksstark absolviert Judith Holofernes den zweistündigen Auftritt von Wir sind Helden in Bielefeld. ▪

Von Frank Zöllner ▪ BIELEFELD–Es ist eine typische Szene aus ihrem Band-Kosmos. Sängerin Judith Holofernes steht vor dem Schlagzeug ihres Ehemannes. „Fast wie bei Cindy und Bert. Ach was, Cindy und Bart“, sagt die Frontfrau von Wir sind Helden angesichts der üppigen Gesichtsbehaarung von Pola Roy. Und dann die Aufforderung an die Band: „Und jetzt Gruppenlachen.“

Nach drei Jahren Pause und dem zweiten Kind der Familie Holofernes/Roy – 2006 wurde Sohn Friedrich geboren, im vergangenen Jahr Tochter Mimi Lucille – und auch dem ersten des Keyboarders Jens-Michel Tourette hat die Band eine neue Entwicklungsstufe genommen.

Galten Wir sind Helden zu Beginn dieses Jahrzehntes als Klassensprecher einer jungen, konsum- und kapitalismuskritischen Generation, hat sich nun eine Art Innerlichkeit, Melancholie, Weltschmerz und Ungewissheit über die immer noch intelligenten Lieder des aktuellen Albums „Bring mich nach Hause“ gelegt. In „Alles auf Anfang“ geht es der Band darum, sich nicht durch schlechte Nachrichten lähmen zu lassen und stattdessen eigene Projekte anzupacken. Dieser Eindruck wird durch eine Hippie-Stimmung im ausverkauften Ringlokschuppen in Bielefeld verstärkt. Es wird ein heimeliger, fast kuscheliger Konzertabend.

So verwandelt das Bühnenbild bei „Echolot“ die Konzerthalle in eine Tiefsee-Landschaft, und es werden vorher ermittelte Hörerwünsche erfüllt. Die tief-traurige „Ballade von Wolfgang und Brigitte“ taucht in die Vergangenheit des Kommunardenlebens in den 70er Jahren inklusive Selbstverwirklichung ein, und aus dem psychedelischen Gitarren-Sound von „Im Auge des Sturms“ wird die Hippie-Hymne „Let The Sun Shine“.

Sängerin Judith Holofernes zeigt sich, ohne nun ständig umgehängter Gitarre, wie von einer Last befreit, rudert mit den Armen und hüpft wild im Kreis. Und die Texterin musste anscheinend – auch angesichts ihrer zwei Kinder – erst lernen, ihre eigene Rastlosigkeit zu bezwingen. Im Titelstück des neuen Albums „Bring mich nach Hause“ singt sie: „Ich will nach Hause, ich bin schon zu weit hier draußen.“

Geschickt spannt die symphatische 33-Jährige den Bogen zu den Liedern des vierten Albums, zu denen sich Tourette häufiger mal ein Akkordeon umschnallt. „Seid Ihr schon firm mit den Texten der neuen Platte?“, fragt Holofernes, um die Publikumsreaktionen zu testen.

Die fallen durchaus wohlwollend aus, sind aber angesichts des eher ruhigeren Tempos auch verhalten.

Dass es auch anders geht während des zweistündigen Konzertes, zeigen die kraftvollen Sythnie-Punkpop-Hits „Nur ein Wort“, „Aurelie“ und „Guten Tag“. Die beiden letztgenannten Lieder sorgten im Jahr 2003 für den kometenhaften Aufstieg der Berliner Band. Und beim Song „Denkmal“ darf die erkältete Sängerin, die trotz strapazierter Stimme den Auftritt bravourös absolviert, eine Pause einlegen. Weite Teile des Liedes werden einfach von den Fans intoniert, begleitet von den Musikern.

Charmant erinnert die Band an die eigenen Anfänge. Vor dem mittlerweile längst geschlossenen Klub PC 69 seien sie in Bielefeld früher einmal vor fünf Zuschauern aufgetreten, drei davon Familienangehörige von Jean-Michel Tourette – und spielen wie damals das punkige „Streichelzoo“.

Bei so viel Rückbesinnung wird klar: Es scheint außer Frage zu stehen, dass sich Wir sind Helden wohl vor einer wichtigen Neuausrichtung als Band und im Gruppengefüge befinden. So stehen zum Ende des Abends die Liedtexte „Nichts was wir tun könnten" und „Bist du nicht müde“ als Ausrufezeichen im Raum.

Während die beiden Konzerte von Wir sind Helden im Kölner E-Werk am 31. Oktober und 1. November ausverkauft sind, gibt es für den Auftritt am Dienstag, 2. November, in der Dortmunder Westfalenhalle 2 noch Karten. Im Sommer 2011 spielen Wir sind Helden am 25. Juli am Kölner Tanzbrunnen.

Quelle: wa.de

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