Simon Carmiggelts Geschichten aus Kneipen

Simon Carmigget Foto: Unionsverlag

Simon Carmiggelt findet selbst an der Stille einer Kneipe um zehn nach elf morgens etwas Bemerkenswertes. Still trinkt er seinen zweiten Sherry, „um eine unbestimmbare Niedergeschlagenheit, für die ich keinen greifbaren Grund hätte angeben können“, zu kurieren.

Die frühen Gäste hängen einer mönchischen Innerlichkeit nach. Bis der „Feind“ eintritt, ein Mann, der Gesellschaft sucht und bestellt: „Gib mir einen Jungen. Der so alt ist wie ich.“ Carmiggelt kommentiert das mit einer die Mattigkeit des Moments aufgreifenden Variation: „Ein alter Scherz. Der Tag ist noch zu jung dafür.“

Simon Carmiggelt (1913-1987) ist ein Klassiker der niederländischen Literatur, freilich einer des kleinen Formats. Seit den 1950er Jahren schrieb er für die Zeitung Het Parool seine Kronkels, wörtlich Wendungen, Betrachtungen von etwa vier Buchseiten Länge. Tausende Texte kamen zusammen, sie handeln von Gott und der Welt. Carmiggelt war der große Flaneur von Amsterdam. Wie schon die eingangs erwähnte Geschichte ahnen lässt, entstand ein Großteil dieser Kolumnen in Gaststätten. Eine Auswahl der Kneipengeschichten bietet der schöne Band „Auf ein Gläschen“.

Die Übersetzer Gerd Busse und Ulrich Faure vergleichen in ihrem Nachwort Carmiggelt mit Kurt Tucholsky, Alfred Polgar und Erich Kästner. Das weckt vielleicht falsche Erwartungen. Carmiggelts Grundton ist die Melancholie, viele Kronkels handeln vom Ende. Da besuchen der Autor und der Wirt Piet, der in den letzten Zügen liegt, mit einer Flasche, „der einem Gast in der Not gleichsam wie ein Geistlicher bis zu seinem letzten Stündlein beizustehen pflegt“. Dann heißt es: „Der Wirt starb im aktiven Dienst.“ Und natürlich wissen die Zecher, dass ihr ebenfalls gerade sterbender Kollege Frans es übertrieben hat: „… wenn man scheinheilige Reden über Alkoholmissbrauch hören will, muss man in die Kneipe gehen“.

Lustig geht es nicht zu in Amsterdams Bars. Ein Wirt vergrault Gäste: „Die gehören nicht hierher. Das sind Leute, die zu ihrem Vergnügen trinken.“ Carmiggelt schreibt von Gestrandeten, die nicht von der Kneipe loskommen, wie Joop und Mien, die nicht ins heiße Italien verreisen, sondern jeden Abend ein kaltes Abschiedsbier am Tresen nehmen. Bis der Urlaub vorbei ist. Das sind manchmal herzzerreißende Tragödien, zum Beispiel wenn man erfährt, warum sich der alleinerziehende Vater Wim morgens um elf abfüllt.

Carmiggelt erhebt sich nicht über seine Figuren, er beobachtet voller Mitgefühl, lässt die Leser teilhaben. Und er findet wunderbare Formulierungen: „Trinken ist wie mit einer Matrosin flirten und an der harten Brust eines Admirals wach zu werden.“

Simon Carmiggelt: Auf ein Gläschen. Deutsch von Gerd Busse und Ulrich Faure. Unionsverlag, Zürich. 187 S., 18 Euro

Quelle: wa.de

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