Sien Volders erzählt Künstlergeschichten in ihrem Roman „Norden“

Sien Volders, belgische Schriftstellerin. Foto: Blancquaert

Ihren eigenen Weg sucht die junge Silberschmiedin Sarah Torun Aysgarth aus Vancouver. Sie mag keinen Schmuck machen für die „Frauen reicher Männer“. Sie arbeitet darum nicht mit Gold, sondern mit Silber, nicht mit funkelnden Brillanten, sondern mit gefundenen Flusskieseln. Das Angebot einer internationalen Firma stellt sie auf eine harte Probe. Gefährdet sie nicht ihre künstlerische Integrität, wenn sie es annimmt? In dieser Situation entscheidet sie sich für eine Flucht aus dem Alltag: Sie steigt in ihren Oldtimer-Dodge und fährt nach Forty Mile.

Die belgische Schriftstellerin Sien Volders hat in ihrem im Original 2017 erschienenen Debüt „Norden“ eine ebenso eigentümliche wie faszinierende Mischung aus Künstlerroman und Liebesdrama gefunden. In Forty Mile, in der Goldrausch-Ära ein „Paris des Nordens“, aber 1982, der Handlungszeit des Buchs, ein entlegenes Kaff, begegnet Sarah zwei sehr unterschiedlichen Männern: dem Geiger Adam, ein Flüchtender wie sie, und dem Banjospieler Jacob. Die beiden unterhalten die wortkargen, trinkfesten Einwohner mit Bluegrass in der Dorfkneipe. Sarah kommt unter bei Mary Calhoun, die den Gemischtwarenladen betreibt. Es ist eine Frau mit Vergangenheit.

Sien Volders bringt den Lesern ein verschrobenes Personal nahe. Marys Geschäft dient auch als sehr besondere Poststation. Wenn ein Brief für jemanden aus dem Nachbardorf kommt, kann er sich den am Telefon vorlesen lassen. Nicht von Mary, die nicht Beichtmutter der Empfänger werden will, sondern vom steinalten und stocktauben Nachbarn, der den Brief gleich nach dem Vorlesen wieder vergisst. Da ist der „lebenstaugliche Säufer“ und geniale Bluesmusiker Willy Bowskill, bei dem Adam einen Winter lang in die Lehre geht.

Und natürlich geht es in die Wildnis, wo man Waldläufern wie dem mysteriösen, noch immer verführerischen Walker begegnet. Und Bären. Und wo man ein „Windspiel für Riesen“ findet, das einst die Liebe zwischen Mary und Rick besiegelte. Mary hieß einst Marion und war eine begnadete Malerin. Sie gab die Kunst auf und entschied sich für das Leben, für den Norden. Sarah und ihre Begleiter restaurieren das verfallene Freiluftkunstwerk. Vielleicht bannen sie auch den „Fluch der ersten Völker“, der dazu führt, dass in Forty Mile keine Kinder gezeugt werden können.

Geschickt spielt Volders mit ihren Motiven, spiegelt zum Beispiel das Beziehungsdreieck von Sarah, Adam und Jacob in einer ähnlichen, früheren Konstellation um Mary. Der so karge, verlassene Norden steckt voller Künstler: Auch Adam, der seine Akademieausbildung abbrach, sucht nach den Geheimnissen einer besonderen, der athabaskischen Musik, die das europäische Erbe mit den Klängen der ersten Völker verbindet. Und Marion gab das Malen auf, als ihre Integrität auf eine harte Probe gestellt wurde.

Und Volders findet für ihren Stoff stets den richtigen Ton, beschreibt die wilde Sauf- und Singparty in der Dorfkaschemme ebenso treffsicher wie die Wanderung durch entlegene Forste und die erotischen Irrungen ihrer Protagonisten. Sie übersetzt ein Gemälde eindringlich in Worte. Und sie weiß, welche Musik zu welcher Landschaft passt: „Berge vertrugen sich gut mit Punk, Täler und Flachland eher mit New Wave.“ Sie riskiert zuweilen Härten in der Handlung, spielt manchmal etwas zu selbstsicher mit den kulturhistorischen Anspielungen, aber dann schreibt sie wieder einfach schöne Sätze: „Tief in ihrem Bauch hatte sie ein Tauwettergefühl.“ Und wer wollte ihr widersprechen, wenn sie dem alten Willy die Erkenntnis unterschiebt: „Wenn man zu nichts zurückkehren konnte, gab es auch keinen Grund mehr wegzufahren.“

Sien Volders: Norden. Deutsch von Bettina Bach. Residenz Verlag, Salzburg/Wien. 284 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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