Siddhartha Mukherjees „Biografie einer Krankheit“

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Der Krebsforscher Siddhartha Mukherjee informiert über eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit. ▪

Von Annette Kiehl ▪ „Die Patientin war eine junge Dame, die ich nur sehr ungern verunstaltete“, schrieb William Halsted Ende des 19. Jahrhunderts über eine Frau, die er vom Brustkrebs befreien wollte.

In einer Zeit, in der Prozeduren wie der Aderlass noch gang und gäbe waren, galt der kokainsüchtige Arzt als einer der Pioniere der Krebschirurgie. Frauen hofften auf seine vermeintliche Kunst am Skalpell, Kollegen eiferten ihm nach.

Nach Besuchen bei deutschen Kollegen hatte Halsted die „Radikale Mastektomie“ entwickelt. Dabei entfernte er nicht nur die erkrankte Brust, sondern auch Lymphknoten, Muskeln und Knochen. Er wollte den todbringenden Tumor samt seiner Wurzel aus dem Körper reißen. Erlitt eine Patientin einen Rückfall, sah Halsted dies als Beleg dafür, nicht tief genug geschnitten zu haben. Viele der Frauen, die er operierte, blieben dauerhaft entstellt. Geheilt wurden nur wenige.

William Halsted ist eine der Figuren aus Siddhartha Mukherjees „Der König aller Krankheiten“, einer „Biografie“ des Krebses. Mukherjee, Onkologe in New York, begann mit der Arbeit an dem Buch, nachdem eine krebskranke Frau ihn gefragt hatte, was das für eine Krankheit sei, gegen die sie kämpfe.

Die Reaktionen auf eine Diagnose seien heute noch oft ein Echo der historischen Überlieferungen, hat Mukherjee beobachtet: „Der Wunsch einer Patientin, den vom Krebs zerfressenen Magen herauszuschneiden, und dabei ,nichts auszulassen‘, wie sie es formulierte, erinnerte mich an den perfektionistischen Chirurgen William Halsted (...)“. Deshalb blickt der Wissenschaftler auf die Geschichte zurück und versucht, sich dem Wesen dieser Krankheit zu nähern. Als „Biografie“ im wahren Sinn bezeichnet Mukherjee das Buch, das in den USA mit dem Pulitzer-Preis 2011 ausgezeichnet wurde.

Die Spanne des Werkes ist riesig und in ihrer Detailtreue beeindruckend: Sie reicht von der persischen Königin Atossa (550–475 v. Chr.), die wahrscheinlich ihrem Sklaven befahl, ihre krebskranke Brust abzuschneiden, über die ersten Experimente mit Chemotherapien und Röntgenstrahlen bis hin zu neuen Medikamenten, die spezielle genetische Eigenschaften des Tumors angreifen. Der Autor geht aber über die Medizingeschichte hinaus. Er blickt auf die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, die diese beeinflussten.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen der Krebsforscher Sidney Farber, der als Vater der Chemotherapie gilt und von einem universalen Heilmittel träumte, und Mary Lasker, eine Dame der feinen New Yorker Gesellschaft, die den Kampf gegen den Krebs zur politischen Kampagne machte. Und Mukherjees Patientin Carla, eine 30 Jahre alte Mutter. Der Krebsforscher schildert ihre Leukämie-Erkrankung, die sie dem Tode nahe bringt, ihre Behandlung mit aggressiven Chemotherapien – und ihren Weg zurück ins Leben.

Was dieses Buch zu einem herausragenden Werk macht, ist Mukherjees wunderbare Erzählkunst, die von seiner deutschen Übersetzerin Barbara Schaden gespiegelt wird. Ohne Erfahrungen als Autor gesammelt zu haben, schreibt er präzise, zurückhaltend und elegant; jeder Satz ist von einer Achtsamkeit geprägt und baut Spannung auf. Stets spürt man Mukherjees Mitgefühl gegenüber Patienten, seine Zweifel als Arzt und seine Sympathie selbst gegenüber überheblichen Kollegen. Auch, wenn er die Geschichte des Chirurgen William Halsted und seiner Prominenz schildert: „Sie wurde ihm mehr oder weniger fraglos überreicht. Wie ein Skalpell, das stumm in die ausgestreckte Hand des Chirurgen gelegt wird.“

Siddhartha Mukherjee: Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biografie. Deutsch von Barbara Schaden. Dumont Buchverlag, Köln. 670 S., 26 Euro.

Quelle: wa.de

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