Sibylle Broll-Pape inszeniert „Macbeth“

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Stilisiertes Drama: Szene aus „Macbeth“ in Bochum mit Christoph Wehr (links), Gerhard Roiß und Katharina Brenner.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - „Du bist zu gut“, sagt Lady Macbeth zu ihrem Mann. Dann geilt sie ihn auf nach allen Regeln der Kunst. Sie saugen aneinander, sie begrapschen sich, sie sagen sich schmutzige Wörter von Mord und der Königskrone. Da versteht man, welche Rolle die Frau in diesem Drama spielt und worum es geht. König sein ist sexy.

Eins von Shakespeares blutigsten Dramen hat sich Sibylle Broll-Pape für ihren Abschied vom Bochumer prinz regent theater ausgesucht. Sie wechselt nach Bamberg, will aber dem freien Theater, das sie 20 Jahre lang mit aufgebaut und lange geleitet hat, als Gastregisseurin verbunden bleiben.

In ihrer Inszenierung des „Macbeth“ zeigt sie noch einmal ihre Stärken. Nur fünf Schauspieler verkörpern all die Edelleute, Krieger, Mörder, Opfer und Hexen, die Shakespeare für seine Tragödie auffährt, um die Verführungskraft der Macht zu schildern. Sie sitzen anfangs um eine gewaltige runde Tafel, umgeben vom Publikum. Und sie atmen, hauchen, zischen das nächtliche Hexentreffen, im englischen Original und in Thomas Braschs Übersetzung: Fair is foul and foul is fair.

Die Darsteller verkörpern nicht nur die Figuren des Dramas. Sie liefern auch den Soundtrack, das Vogelzwitschern in der Natur zum Beispiel, und die Szene. Als Macbeth nach der fatalen Weissagung der Hexen endlich König Duncan ermordet und sich selbst zum Herrscher gemacht hat, da steht er auf einer Decke, die die Akteure zuvor aus einem Fach im Tisch geholt haben. Und nun wird diese Decke wieder in den Tisch gezogen, Macbeth verliert den Halt, seine Gewissensbisse und Selbstzweifel werden in einer Bewegung sichtbar. Er fällt, liegt auf dem trügerischen Grund. Die Krone ist ihm aus der Hand gefallen, wird vom Stoff auf die Nische hingezogen, und Macbeth streckt vergeblich die Hand nach dem Symbol der Herrschaft aus. Dann fragt er die Hexen noch einmal – und gibt sich selbst Antwort, verkrampft, versteift wie ein Besessener in einem Voodoo-Ritual.

Broll-Pape hat das Drama ganz auf den Titelhelden zugespitzt, erzählt die Vorgänge als Reflexe von Macbeths Psyche. Dabei fällt manches unter den Tisch, die Lady zum Beispiel stürzt recht beiläufig in den Wahnsinn. Auch die abschließende Schlacht wird beinahe wie eine Pflichtübung abgehakt.

Puristen mögen also manches vermissen. Aber letztlich ist das Wesentliche doch da: Einem steigen Komplimente und Ambitionen zu Kopfe. Er steigt – und fällt schmerzlich tief, nicht ohne viel Leid anzurichten.

Gerhard Roiß lässt Macbeth all die Wandlungen durchlaufen, vom anfänglichen Zauderer, fast wie ein Hamlet, über den enthemmten Mörder bis zum von der Schuld Gebrochenen, der der Macht nicht gewachsen ist. Katharina Brenner ist, wo die Regie ihr das zugesteht, eine fesselnd boshafte Lady, die wahre Triebfeder des Bösen. Christoph Wehr verkörpert viele Figuren von Duncan bis zu Macduffs Sohn, der kindlich mit dem Strohpferd spielt. Er spricht auch stilecht mit VfL-Fanschal den Monolog des Pförtners, den Frank Goosen ins Hier und Heute des Reviers gebracht hat („Wat woanders Todesstreifen heißt, nennen wir Boulevard“). Und auch Magdalena Helmig und Maximilian Strestik überzeugen mit Wandlungsfähigkeit.

28., 29.11., 3.12.,

Tel. 0234/ 77 11 17,

www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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