Sibylle Broll-Pape inszeniert „Anna Karenina“ nach Tolstois Roman

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Glücklich werden sie nicht: Szene aus „Anna Karenina“ mit Mandana Mansouri und Michael Lippold.

Von Edda Breski BOCHUM - Diese Ehe kann nicht gut gehen: „Die siezen sich zu Hause, und das auf Französisch“, sagt Stefan zu seinem Freund Wronski, was ihm eine Warnung hätte sein sollen. Aber Wronski geht hin und verführt Anna, die präsentable Ehefrau des Ministers Karenin. Tolstois „Anna Karenina“ hat Armin Petras in eine Bühnenfassung gebracht. Sibylle Broll-Pape verarbeitet sie am Prinz Regent Theater Bochum zu einer zweieinhalbstündigen Soap: ironisch-flottes Erzähltheater mit klassischem Anspruch, gewürzt mit etwas Kitsch und einem Schuss Groteske. Und ja, das funktioniert sehr gut.

Petras hat den 1000-seitigen Wälzer auf die Pärchenfindung reduziert. Jeder ist, wie im berühmten Anfangssatz des Buchs, auf seine Art unglücklich: Anna mit ihrem korrekten Karenin; ihr Bruder Stefan mit der Hausfrau und Mutter Dascha (Claudia Mau). In Daschas Schwester Kitty ist Lewin verschossen. Broll-Pape versetzt sie alle in die Moderne und schärft ordentlich nach. Kitty, im Buch mit 19 Jahren eine Erwachsene auf dem Heiratsmarkt, wird zum trotzenden Teenie, der jetzt gefälligst seinen Wronski will. Anna Döing lässt es krachen. Helge Salnikau spielt den Lewin als hypochondrischen Blässling mit skurriler Komik.

Wronski hat auf einem Ball mit Anna (Mandana Mansouri) angebändelt. Eine Szene voll Kitsch und Ironie, beide tanzen, von Tüll umwogt, zu Sibelius’ „Valse triste“. Die tragische Liebe gibt Wronski (sehr schön: Michael Lippold als Ewigjugendlicher mit Bindungsproblem) Gelegenheit, lässig mit Zigaretten und Wodkaflaschen zu hantieren. Anna wird noch mal jung.

Der Roman wird in Grundzügen erzählt: der Betrug, die Geburt der unehelichen Tochter, die Anna allerdings hier verliert, die Reise nach Italien, die komplizierte Versöhnung Kittys und Lewins. In einem cleveren Kunstgriff spielt Richard Saringer Karenin und Serjosha. Über seiner gefältelten Krawatte wechselt er zwischen dem bekümmerten Gesichtsausdruck des verlassenen Jungen und der papiergrauen Miene Karenins.

Trotz aller künstlerischer Freiheit: Broll-Pape bleibt beim Buch, die ethisch-moralischen Probleme sind, obzwar modernisiert, hinter dem Trubel noch zu sehen.

Stefan (Arno Kempf) legt nach der Hochzeit Kittys und Lewins einen Ausraster hin, der sich gewaschen hat, er schüttet den Inhalt einer Wodkaflasche über sich und brüllt: „Gott, du Arschloch!“ Das ist nicht weit weg von dem Problemvermeider Oblonsky, über den Tolstoi doppelbödig schrieb, er sei unfähig, sich über das zu belügen, was er getan habe. Stefan hat wohl die Blicke gesehen, die Kitty und Wronski tauschten. Schließlich ist Anna tot.

24., 25., 26., 29.5., 8., 21., 22., 23.6., Tel. 0234/ 77 11 17, www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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