Sherlock Holmes ermittelt in der ARD: „Sherlock: Ein Fall von Pink“

Von Ralf Stiftel ▪ Nein, dieser Sherlock Holmes kennt keine Rücksichten. Er sagt, wie es ist: „O Gott! Wie ist das in so komischen kleinen Gehirnen? Das muss doch langweilig sein!“ Er ist ein Genie, consulting detective, der einzige der Welt. Er hat den Beruf erfunden. Und er lässt Scotland Yard immer wieder aussehen wie eine Versammlung von Idioten. Und wenn er den Fall endlich vor Augen hat, reibt er seine Hände: „Ein Serienmörder! Wie ich die liebe! Da kann man sich immer auf etwas freuen.“ Die Polizistin Sally Donovan grüßt ihn knapp: „Hallo Freak!“

Eigentlich sollte es unter Höchststrafe stehen, Klassiker wie die Fälle Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv neu zu verfilmen. Die BBC hat es nicht bloß getan, sie hat die Figur sogar ins 21. Jahrhundert versetzt. Und wie so viele Serien des britischen Senders ist auch diese sensationell gut. Kein gesetzter Denker im karierten Sakko tritt hier auf, der mit der Pfeife vor dem Kamin kombiniert. Benedict Cumberbatch (bekannt aus dem Kinofilm „Abbitte“) deutet die Figur neu. Ein hagerer, etwas blasser Mann in den 30ern, lange Haare, jungenhaft, arrogant und einfach zu schnell für seine Umgebung. Er wirbt auf seiner Website um Kunden („Nur interessante Fälle bitte“). Virtuos nutzt er sein Mobiltelefon für Internetrecherchen zum Beispiel über eine bestimmte Wetterlage. Oder er schickt allen Journalisten in der Pressekonferenz des armen Detective Inspector Lestrade zugleich freche SMS aufs Handy. Neben ihm wirkt Doctor House wie der Kumpel von der Grillparty. Er ist eben ein Genie. Kein Psychopath, darauf legt er wert: „Ich bin ein hoch funktionaler Soziopath.“

Aber Autoren und Regisseure (in der ersten Folge, „Ein Fall von Pink“, Paul McGuigan und Steven Moffat) greifen auch wichtige Züge der Figur liebevoll auf. Sherlock spielt manchmal Geige. Ein Neurotiker wie er leidet an Süchten, er deutet an, dass die Drogenrazzia in seiner Wohnung (natürklich 221b Baker Street) erfolgreich sein könnte. Außerdem bringt er sich mit gleich drei Nikotinpflastern auf Touren – „unmöglich, heute noch ein solides Raucherleben zu führen in London“. Und er hat Dr. Watson, mit dem er allerdings praktischerweise in einer Wohngemeinschaft lebt.

Dieser Watson ist ein weiterer Pluspunkt: Martin Freeman (demnächst als Hobbitt im Kino) spielt ihn nicht als den bieder-bürgerlichen Durchschnittsmann aus den Romanen. Hier tritt ein Veteran aus Afghanistan auf, traumatisiert, aber eigentlich ebenso süchtig nach Gefahr und Abwechslung wie Holmes selbst. Er protokolliert die Fälle auch nicht in Büchern wie sein literarisches Vorbild, sondern führt ein Blog. Und auch das weitere Personal bietet alte Bekannte, sinnreich in neue Zusammenhänge gebracht. Holmes sinistrer Bruder Mycroft (Mark Gattis) ist zum Beispiel Führungskraft beim Geheimdienst MI6. Selbst Superverbrecher Moriarty ist von Anfang an im Spiel.

Dieses Paar rennt buchstäblich durch die Straßen von London, in einem Tempo, dass daneben US-Serien wie CSI wie blasse Kopien aussehen. Schön verspielt werden Effekte eingesetzt, zum Beispiel SMS-Nachrichten oder kleine Kombinationen des Meisterdetektivs als Schrift ins TV-Bild eingeblendet. Kenner der Romane sind keineswegs im Nachteil, obwohl sich die Geschichten an den Vorlagen orientieren. Es ist mindestens so spannend, die Varianten der Serie zu verfolgen, wie dem Täter nachzuspüren. In der ersten Folge, „Ein Fall von Pink“, geht es um eine vermeintliche Selbstmordserie, hinter der ein infamer Mörder steckt.

Intelligent, witzig, spannend – mehr Spaß wird so schnell keine Serie in diesem Jahr machen. Die dritte Folge endet mit einem brutalen Cliffhanger – zum Glück ist „Sherlock“ in Großbritannien erfolgreich und soll fortgesetzt werden.

ARD, Sonntag, 21.45 Uhr, weitere Folgen: 31.7., 7.8.

Internet

Die BBC hat sich und den englischsprechenden  Fans der Welt einen Spaß gemacht und John Watsons Blog und Sherlock Holmes‘ Website wirklich ins Internet gestellt: www.

thescienceofdeduction.co.uk;

http://www.johnwatsonblog.co.uk

Quelle: wa.de

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