Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ am Schauspielhaus Bochum

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Liebesschmerz in einer Szene aus „Viel Lärm um nichts“ in Bochum mit Nicola Mastroberardino (vorn) und Daniel Stock.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - So ganz unversehrt kam keiner aus dem Familienkrieg, der Shakespeares Komödie „Viel Lärm um nichts“ vorausging. Jeder Akteur am Schauspielhaus Bochum trägt einen Verband oder ist anderweitig blessiert. Claudio und Benedikt, die Kriegskameraden, sitzen in Rollstühlen. Don Pedro, der siegreiche Feldherr und ihr Chef, braucht gar Sauerstoff über einen Plastikschlauch.

Und das gastliche Heim des Gouverneurs von Messina ist eine freundlich gelbgrüne Mittelmeerklinik, in der Soldaten auskuriert werden. Und Hero, Claudios Angebetete, lässt sich hier Wangen und Nase richten.

So weit, so schlüssig kommt die Inszenierung daher, die seit dem Abgang des vorgesehenen Regisseurs Lukas Langhoff vom Ensemble und vom Dramaturgen Olaf Kröck umgesetzt wurde. Der Krieg ist in Shakespeares Text präsent. Warum also nicht danach fragen, inwieweit er in der Psyche der Akteure Spuren hinterließ, gar das Verwirr- und Intrigenspiel anheizt? Außerdem kann man hübsche Späßchen machen, mit der Pillenausgabe auf „Einer flog über das Kuckucksnest“ anspielen oder die Oberschwester Ursula mit zwei Medizinbällen vor der Brust über die Bühne schicken, dass Hero auf Ideen kommt. „Kann man das machen?“ fragt sie Papa, den Schönheitschirurgen.

Bei allen Effekten bleibt diese Fassung überraschend nah am Text, erzählt von der Liebe des schüchternen Claudio, für den der verkleidete Don Pedro bei Hero vorfühlt. Und von der Intrige des unterlegenen Bruders Don John, der wenigstens das Glück der anderen untergraben will, indem er die Braut als untreu darstellt. Und von dem verfeindeten Paar Benedikt und Beatrice, die sich am Ende doch in Liebe finden.

Manches an diesem Abend glückt. So ziehen sie dem Spiel noch eine selbstreferentielle Ebene ein. Der Skeptiker Benedikt fragt ins Publikum, wer verheiratet sei, um dann die Nachteile der Partnerschaft rollenspielerisch auszubreiten. Daniel Stock macht das furios. Ebenso Roland Ribelings Don John, der am Anfang doppeldeutig reklamiert, dass er 10 000 Euro fürs Spielen bezahlt habe und darum erwarte, dass niemand zuguckt. Aber da steht der Intrigant auf dem Golfplatz der Klinik. Hinreißend redet Xenia Snagowski als Beatrice alle kirre, Satzkaskade um Satzkaskade lässt sie strömen, scheinbar ohne einmal Luft zu holen, und Pedro stöhnt: „Hat sie keinen Knopf zum Abschalten?“

All das in gut eindreiviertel Stunden abzuhandeln, verlangt schon viel. Aber der Abend läuft seltsam unrund. Musikeinlagen wie eine maskierte Kopulationsdisko zu Helene Fischers „Atemlos“ können ja sein. Und dass in der Klinik alle die dauerbandagierte Hero (Juliane Fisch) „Mumie“ nennen, mag hingehen. Man fragt sich freilich, was Claudio an ihr findet. Aber den romantischen Helden gibt Nicola Mastroberardino als Simpel, das passt dann wieder. Aber die Szene an der Tischtennisplatte, an der Claudio im Rollstuhl nicht einen Aufschlag hinkriegt, worauf alle die Schläger ans Netz werfen, wird auch nicht dadurch komisch, dass man sie mit langen Ballholszenen des invaliden Pedro (Raiko Küster) dehnt.

In solch sinnfreiem Slapstick offenbart sich die Richtungslosigkeit der Inszenierung. Ärgerlich wird es, wenn am Ende der getäuschte Claudio mit der Maschinenpistole aufläuft und seine Braut und die ganze Gesellschaft abschießt und alle rot zubluten (die Drehbühne macht die Blutpumpe sichtbar). Das ganze Happy-End wird so ins Irreale verzerrt. Dann sieht man im vorher verdeckten, aufgemalten Meer Bootsflüchtlinge aus Afrika. Aber so einfach, so billig aktualisiert man einen Klassiker nicht. Für diese Schlusspointe war das Intrigenspiel in Maske, Rollstuhl und Bandage davor zu harmlos.

4., 11., 22.2., 4., 10. 24.3.,

Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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