Shakespeares „Sturm“ bei den Ruhrfestspielen

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Szene aus dem Recklinghäuser „Sturm“ mit Franz Pätzold (Ferdinand) und Friederike Ott (Miranda).

Von Edda Breski RECKLINGHAUSEN - Prospero, Herrscher über die Luftgeister, hat sich auf seiner Insel ein Foltergefängnis gebaut. Seine Feinde baumeln aufgehängt an ihren Händen: sein Bruder Antonio, der seinen Thron geraubt hat, Alonso, König von Neapel und Mitverschwörer. Die, die es hinter sich haben, stößt er in das Untergeschoss, wo Caliban sich der Überreste annimmt. Prospero ist Herr über einen Leichenkeller.

So beginnt Shakespeares letztes Drama „Der Sturm“ in der Fassung des isländischen Theatermachers Gisli Örn Gardasson, die Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele in Recklinghausen: eine konsequente Verengung auf Prospero (Manfred Zapatka), der mit dem Humanisten der Vorlage nicht mehr zu tun hat als die Worte, die er ausspricht: Ihr Sinn ist ins Dunkle, Rachsüchtige gewendet.

In seinem Käfig aus Gittern und Stäben (Bühne: Börkur Jonsson) herrscht Prospero. Nach unten, und wie man später sieht, nach außen ist Caliban (Guntram Brattia) gebannt, dessen Instinkt sich einzig auf das Überleben richtet. Oben schweben Erscheinungen vorbei, etwa Ferdinand (Franz Pätzold); optisch eine Mischung aus David Garrett und Verkündigungsengel, reißt er Miranda sofort hin.

Gardasson verlangt seinen Schauspielern Gesang und akrobatische Künste ab. Friederike Ottos Miranda spricht nicht nur im Ton einer verängstigten Göre, sie klammert sich an Wände und hängt spinnenhaft von der Käfigdecke, um das untere Gitter nicht zu berühren, die Verbindung in Calibans Welt.

Licht (Björn Helgason) fällt fahl und sparsam ein. Manche Szenen kommen mit vereinzelten Schummer-Spots aus, man erahnt Gesichter und Bewegungen. Das Stück ist auch durchzogen von schwarzem Humor. Sebastian und Alonso werden, nachdem sie Gonzalo und Antonio synchron gemeuchelt haben, in einer Gewaltarie vernichtet. In der Hauptrolle: Ariel, der Handlanger, der zwecks Demütigung im Brautkleid steckt. Gardasson zitiert schamlos den Paten, die Garagenatmosphäre aus Fight Club, die berühmte Slow Motion aus Matrix, dann lässt er mit Taschenlampen-Laserschwertern fechten und Alonsos letzte Worte lauten: „Sebastian, ich bin dein…“

Gardasson macht aber mehr als „Shakespeare in der Gummizelle“. Er zeigt die innere Katastrophe, in der Prospero eingeschlossen ist. Die Handlung ist kein Verlauf, sondern ein Abrutschen. Die Handlungslogik tritt in den Hintergrund zugunsten einer Konzentration auf Episoden. Figuren tauchen auf und verschwinden, Prosperos Pläne scheinen sich stets zu ändern. Das macht das Zuschauen nicht leicht, aber Gardasson nähert sich auf dem Wege dieser Verdichtung den jähen Zustandsschwankungen eines Menschen an, der krank ist an Geist und verkümmert an Seele. Manchmal scheint es, als fände alles nur in Prosperos Hirn statt.

Noch wichtiger: An entscheidenden Stellen sprechen die Sätze für sich. Wenn etwa Prospero zu Miranda sagt „Was ich tat, geschah für dich“, lädt er ihr die Last seiner Taten auf. Mirandas vielzitierter Satz „O schöne neue Welt“ ist ein Abwenden vom Vater. Wenn die Gestrandeten nach Ferdinand suchen, schleichen sie ränkeschmiedend und scherzend umher wie eine Mischung aus dem Trottel Holzapfel und den Hexen aus Macbeth.

Gegen den Überschwang der düsteren Inszenierung und die lose erscheinende Szenenfolge spielen die Schauspieler an – bis auf Zapatka. Er bewegt sich etwas steif durch die Szene, lässt aber hinter seiner Steifheit langsam das Drama eines Menschen erkennen, der allen Kontakt zur Welt verloren hat. Im berührenden Schlussmonolog legt er Prosperos Hilflosigkeit frei.

Gunther Eckes‘ Ariel maskiert mit seiner Macherpose, dass er sich in seine Unterdrückung durch Prospero längst ergeben hat. Jens Atzorns arroganter Antonio, Miguel Abrantes Ostrowskis eloquenter Gonzalo haben fesselnde Momente, aber die verschwinden im düsteren Gesamtbild.

Ein versöhnliches Ende ist natürlich ausgeschlossen. Miranda kriecht mit Caliban weg. Vielleicht ist Caliban, der Gequälte, der einzige, der etwas wie Hoffnung kennt, denn er ist von Prosperos Welt befreit.

5., 6., 7.5., Tel. 02361/ 92 180, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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