Shakespeares „Romeo und Julia“ in Münster

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Anne Breitfeld und Bernhard Glose als Romeo und Julia in der Münsteraner Shakespeare-Inszenierung. ▪

Von Anke Schwarze ▪ MÜNSTER–Romeo und Julia haben sich an den Händen gefasst und starren sich in die Augen. Auf einem Drehteller kreisen sie in ihrer eigenen Welt. Hinter ihnen erlahmen die konvulsivischen Zuckungen einer ausgelassenen Party. Romeo und Julia – ein Bild reiner Liebe, das die Außenwelt ausblendet, bis es von ihr zerstört wird.

Wie um die Zeitlosigkeit des Shakespeare-Stoffes zu demonstrieren, hüllt Markus Kopf die Geschichte an den Städtischen Bühnen Münster in eine anbiedernde Techno- und Unterhaltungs-Szene. In der Adaption des beliebten Stücks will er über die West Side Story hinaus gehen – indem er, wie dort geschehen, die Feindschaft zweier Häuser in Verona in Form jugendlicher Straßengangs inszeniert, nur eben nicht zum inzwischen veralteten Jazz, sondern zur elektronischen Musik.

Harte, kalte Rhythmen unterstreichen eine Welt, in der Macht und Eigenliebe die Beziehungen zwischen Menschen töten. Gleichzeitig macht die Techno-Szenerie die Inszenierung massentauglich. Etwas Konsumkritik kommt dazu, wenn der erste Auftritt von Julia und ihrer Amme im Stil eines heimeligen 50er-Jahre-Werbespots aufgezogen wird.

Eine Welt, in der – mit Ausnahme der Titelrollen – keine Zwischenmenschlichkeit funktioniert, ist verrottet. Also lässt Kopf seine Darsteller aus Bodenluken auf die Bühne steigen, wie die Toten aus ihren Gräbern auf mittelalterlichen Endzeitvisionen. Dann tummeln sie sich in einem Schauplatz aus drei Stahlrohrgerüsten, die zu mehr oder weniger motivierten Kletteraktionen taugen und immerhin einen passablen Ersatz für einen Balkon abgeben. Die Bewegungsmuster der Duell-Szenen entlehnt Kopf neueren Action- und älteren Mantel-und-Degen-Filmen.

Die Komik im Drama, fokussiert auf den sarkastischen Mercutio und Julias schwankhafte Amme, modelt Kopf in Comedy-Formen. Tim Mackenbrock leiht bei den schlackernden Gesten und verzerrten Grimassen eines Jim Carrey oder Jerry Lewis. Kathrin-Marén Enders‘ hüftenschwenkende Amme könnte auch bei „Ladykracher“ auftreten. Das alles könnte funktionieren, würde sich der Text – wenn auch in einer modernisierten Fassung von Ralph Blase – nicht wiederholt gegen überkandidelte Gestik und pulsierende Choreografie sperren. Nur wenigen Schauspielern gelingt der Drahtseilakt, zwischen dem antiquierten Sprechduktus und den modernen Elementen zu vermitteln. Die blonde Julia von Anne Breitfeld gehört dazu. Ihre Liebesschwüre kleidet sie in ein angemessen ungestüm-jugendliches Verhalten, fügt Shakespeares Sprache in einen lebendig atmenden Sprechrhythmus ein. Ihrem Romeo, Bernhard Glose, fehlt es dagegen an Temperament. Das enthüllt besonders die Hochzeitsnacht unter einem Riesenbettlaken, wenn nichts von den Stimmen der beiden Protagonisten ablenkt. Als dunkel gelockter Gegenpart Julias, mit wallender Stirntolle, erfüllt Glose immerhin landläufige romantische Vorstellungen.

Einen schönen Kontrast dazu bildet Matthias Caspari als muskelbepackter, alternativ angehauchter Bruder Lorenzo, der seine Strafpredigten an einen selbstmitleidigen Romeo genüsslich auskostet. Auch Stefanie Kirsten und Johannes-Paul Kindler fühlen sich in ihren Rollen als giftgrüne Lady und Lord Capulet wohl. Sie parodiert die neureiche, selbstverliebte Kuppelmutti, er den affektierten Dandy, hinter dessen spazierstockbewehrten Gehabe unterschwellige Brutalität lauert. Die großen Gefühle will Markus Kopf nicht leugnen, sie zu entfalten gelingt seiner Inszenierung nur stellenweise.

13., 19., 22., 25., 28. Januar; 3., 9., 17. Februar; Tel. 0251 / 5909100

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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